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Auf Forschungsreise im Zug: Menschen, die

von Sarah Meyer-Dietrich

Wenn eines Tages ein Ufo in NRW landet. Wenn die Aliens sich bei mir melden, um zu fragen, wie Menschen so ticken, dann wird meine Antwort sein: Setzt euch in die Bahn. Da findet ihr es raus.

Natürlich kann man Menschen auch andernorts beobachten und studieren. Aber wo sonst findet man so viele von ihnen zufällig zusammengewürfelt auf so kleinem Raum? Züge und Bahnhöfe. Transit-Orte. Nicht gemacht zum Bleiben. Nur für den Übergang gedacht. Hier entfalten Menschen sich mitunter in all ihrer Ursprünglichkeit.

Der perfekte Ort für soziologische Studien.

Ich sehe ihn schon vor mir, den Forscher-Alien. Getarnt mit hochgestelltem Kragen und Hut. Wie er da in der Bahn steht und beobachtet.

Mensch Nummer 1, registriert der Alien, hat sein Fahrrad angekettet. In einem dieser Wagen, in denen es Klappsitze gibt. Der Alien erfasst mit einem Blick, dass dieser Wagen speziell für Radfahrer und Mütter mit Kinderwagen gedacht ist. Was denn sonst sollen die Bilder mit weißen Fahrrädern und Kinderwagen auf blauem Grund bedeuten, die an die Zugwand geklebt sind. Ohne Worte.

Mensch, der. Kommuniziert ohne Worte. Notiert der Alien und beginnt darüber nachzudenken, ob er ähnliche Abteile in sein Ufo integrieren möchte.

Sein Blick schweift derweil zu Mensch 2. Der steht. Genau wie der Alien. Kein Sitzplatz frei. Mensch 2 steht und starrt Mensch 1 an. Dann das Fahrrad von Mensch 1. Dann wieder Mensch 1. Dann wieder das Fahrrad.

Der Alien registriert Spannungen. Der arme Mensch, denkt der Alien, wenn er doch mit Worten kommunizieren könnte. Dann könnte er darum bitten, dass jemand ihm einen Sitzplatz anbietet. Immerhin ist Mensch 2 nicht mehr ganz jung. Und es bleiben ihm nur stumme Blicke.

„Möchten Sie vielleicht hier sitzen?“, ertönt da die Stimme von Mensch 1.

Der Alien wendet ruckartig den Kopf. Er notiert: Mensch, der. Kann doch sprech- Wird aber unterbrochen, als Mensch 2 schroff die Stimme erhebt: „Nein, danke. Wenn Ihr Fahrrad drei Plätze blockiert, können Sie auch ruhig sitzenbleiben.“

Der Alien fängt an zu schwitzen. Ob Mensch, der mit Blicken töten kann? Der Alien verflucht sich, dass er keine Vorabrecherchen betrieben hat, ehe er auf der Erde gelandet ist. Er hat keine Ahnung von den Waffen der Menschen. Bloß jetzt keine Aufmerksamkeit erregen, denkt er. Wenn Mensch 2 ihn ins Visier nimmt, wer weiß, was dann passiert. Der Alien will seinen Blick abwenden. Aber zu sehr fasziniert ihn der Showdown, der sich ihm bietet.

Mensch 2 mit dem Killerblick der ewigen Verdammnis.

Mensch 1 isst genüsslich eine Banane. Endlich erhebt er die Stimme: „Möchten Sie mir irgendwas sagen?“

„Nee“, sagt Mensch 2.

„Warum starren Sie mich dann so an?“, fragt Mensch 1.

Der Alien kann sich gerade noch zurückhalten laut einzuwerfen: Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit.

„Weil Sie mit Ihrem Fahrrad die Sitze hier blockieren“, sagt Mensch 2.

Ehe der Alien noch daran denken kann, seinen Klugscheißer-Mechanismus zu deaktivieren, entfährt ihm ein: „Aber die Plätze sind doch extra für Radfahrer gedacht.“

Mensch 1 nickt und weist auf die blauweißen Schildchen.

Mensch 2 starrt den Alien an. Der hatte immer gehofft, einen Heldentod zu sterben. Eines Tages. In einer fernen Galaxie. In einer Regionalbahn auf dem Planeten Erde durch den Killerblick der ewigen Verdammnis eines Erdlings zu sterben, ist nicht ganz das, was er sich unter Heldentod vorgestellt hatte. Wobei, denkt der Alien, auf Forschungsreise gestorben. Sein Leben aufgeopfert für die Wissenschaft. So würde der Alien gern gleich seinen eigenen Nachruf notieren.

„Trotzdem“, sagt Mensch 2. „Sie scheinen ja gebildet zu sein. Aber der da, schauen Sie doch, wie dreckig das Fahrrad ist.“

Der Alien starrt verwirrt. Er hat keine Ahnung, was ein schmutziges Fahrrad über den Bildungsstand eines Menschen aussagt.

„Sie blöder Idiot“, sagt Mensch 1.

Mensch, der. Kann reden. Aber klarer wird davon auch nichts. Notiert der Alien, als er wieder sicher in seinem Raumschiff sitzt.

Das ist natürlich Quatsch. Nie wird hier ein Ufo landen. Nicht am Düsseldorfer Hauptbahnhof und nicht vor dem Kölner Dom und nicht auf dem Gelände der Zeche Zollverein. Aber es gibt diese Tage, an denen ich gerne Alien wäre. An denen ich nicht mehr dazugehören möchte zur Spezies Mensch. Tagen, an denen ich diese viele Wut nicht verstehen kann. Stumme Wut und laut herausposaunte. Hater im Internet und all die Meckerer in der Bahn. Menschen, die schimpfen über Bahnverspätungen, über das Wetter und erhöhte Tarife. Als gäbe es keine schlimmeren Probleme auf der Welt. Tage, an denen ich nur Bahnhof verstehe, wenn ich mir die Menschen um mich her anschaue.

„Wollen Sie sich nicht setzen?“, fragt Mensch 3 und zeigt auf einen freien Platz. Ich nicke. Menschen, die. Es besteht Hoffnung.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.