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Bahn-Bekenntnis

von Sarah Meyer-Dietrich

Ich fahre Bahn.

Dieser Satz löst bei erstaunlich vielen Menschen Erstaunen aus.

Bei Menschen, die, so oft es geht und seit sie 18 sind, Auto fahren. Ich bin mittlerweile zum zweiten Mal 18. Da sollte ich doch bitte erst recht Auto fahren. Und überhaupt. Ich bin doch AUTOrin. Da versteht sich das doch wohl von selbst, dass ich …

Nein! Ich bekenne, ich fahre Bahn.

Und, ja, okay, ich bekenne auch:

Es gibt sie. Diese Momente, in denen ich bei Regen, Schnee, Eiseskälte, allein in Dunkeln, gerade die Bahn verpasst, am Bahnhof stehe. Momente, in denen ich mit überdimensionierten Blumensträußen oder Orchideentöpfen, die ich gut gemeint geschenkt bekommen habe, in der einen Hand, einem Coffee-to-go in der anderen Hand und einer Tasche mit schweren Büchern über der Schulter zur Rush-Hour im RE stehe, und denke: Warum fahre ich nicht lieber Auto? In dem Moment rutscht mir die Tasche von der Schulter, bleibt in der Armbeuge hängen und von dem Ruck schwappt der Coffee-to-go aus dem Becher und dem Fahrgast neben mir auf den teuren Anzug. Warum, frage ich mich, warum kann der Typ nicht einfach Auto statt Bahn fahren? Dann müsste ich jetzt nicht die Reinigung zahlen.

Es gibt Momente, in denen mir der Absatz abbricht, ich erst unterwegs feststelle, wie überdimensioniert die beiden Hello-Kitty-Häuser sind, die ich meinen Nichten zu Weihnachten schenken will und sogar ein Job ist mir schon durch die Lappen gegangen, weil ich Bahn statt Auto fahre.

Aber jetzt mal ehrlich: Wie oft fragen Sie sich beim Blick auf die Benzinpreisanzeige, im Stau, bei der Parkplatzsuche: Warum fahre ich nicht lieber Bahn?

Und ich kann Ihnen die Frage nicht beantworten.

Kann nur in Anlehnung an Trainspotting (nein, ich meine nicht das hobbymäßige Anstarren von Zügen, sondern den gleichnamigen Kultfilm aus den 90ern) sagen:

Ich sage ja zum Bahnfahren.

Sage ja zum Blumen (weiter) Verschenken. Zu Turnschuhen und großen Taschen. Zu antikapitalistisch kleinen Geschenken und zum sorgenlosen Sekttrinken mit eigenem Fahrer. Ich sage ja zum Kaffee zu Hause ohne Pappbecher und Hetze. Zum Armmuskelntrainieren durch dauerndes Taschendurchdiegegendschleppen. Sage ja zum Gruppenkuscheln und soziologischen Studien. Zu Abenteuerreisen zwischen Kegelclub und Fußballderby. Ich sage ja zur Entschleunigung durch Verspätungen.

Ich sage ja zum sicheren Straßenverkehr. Denn ohne meine Fahrkünste sind die Straßen sicherer. Sie kennen diese Fahrer, die zu langsam auf die Autobahn auffahren, beim Spurwechsel fast das Nachbarauto rammen, beim Einparken gegen Ihre Stoßstange titschen? Das bin ich. Nein, wäre ich. Wenn es keine Bahnen gäbe. Safety first, sage ich und steige in die Bahn.

Ich sage ja zur optimalen Anpassung meines Lebens an Fahrpläne. Ja zum effektiven Ausnutzen jedes einzelnen Moments beim Fahren in der und Warten auf die Bahn. Sage ja zum Arbeiten mit Tapetenwechsel.

Und wenn mir gerade wirklich nichts Sinnvolles zu tun einfällt, sage ich ja zur Langeweile. Oder stehe am Bahnhof in Schnee und Regen, bei Eiseskälte, schwer bepackt und die Bahn gerade vor der Nase davongefahren, und träume.

Träume von einer Welt, in der alle Bahn fahren. In der die kritische Masse dafür sorgt, dass Züge immer und überall fahren. In der ich auch nachts noch kreuz und quer durch die Region fahren kann. Ohne Angst. Weil immer genug andere mit im Abteil sitzen. Immer genug andere mit mir an den Haltestellen warten. Und alle nur noch Bücher lesen. Weil sie endlich Zeit dafür haben.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.