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Bahnfahren im Selfie-Versuch

von Sarah Meyer-Dietrich

Kannst du für den Blog noch ein paar Selfies in der Bahn schicken, war die Frage.

Klar. Kann ich. Kein Ding. Selfies kann ja jeder. Denke ich.

Die Bahn ist relativ voll. Nicht ich-bekomme-keinen-Sitzplatz-mehr-voll. Aber immerhin ich-bekomme-keinen-Zweier-mehr-für-mich-voll.

Das Mädchen neben mir ist ein Selfie Natives, schätze ich. Also bereits damit aufgewachsen, dass alle dauernd ihr Essen fotografieren und statt Urlaubskarten Selfies verschicken. Selfie Natives, kennen Sie nicht den Begriff? Macht nix. Hab ich eben erst erfunden. Analog zu den Digital Natives, die mit dem Internet aufgewachsen sind.

Aber zurück zum Wesentlichen: Ich zücke mein Smartphone. Wähle die Kamera aus. Tippe auf das Icon, das die Selfie-Kamera aktiviert. Das Handy liegt auf meinem Schoss. Selfie von unten geht gar nicht. Ich sehe aus wie ein Monster. Muss ich das Handy halt heben. Ist ja kein Problem. Ich schiele nach rechts. Das Selfie-Native-Mädchen hat einen Schminkspiegel herausgekramt und tuscht sich die Wimpern.

Ich hebe mein Handy zögernd auf Schminkspiegelhöhe. Zu nah an meinem Gesicht. Meine Nase ist riesig. Ich schiele auf einem Auge.

Das Selfie-Native-Mädchen beginnt seine Nägel zu feilen. Empört schaue ich zu dem Mann auf der anderen Seite des Ganges. In der sicheren Hoffnung, dass er das Feilen auch unmöglich findet und wir augenverdrehende Blicke tauschen können. Er kriegt meinen Blick, ich seinen – ich bin eben eher Sticker-Album-Native. Bloß bemerkt der Typ weder mich noch das Feilen. Pult nur gedankenverloren im Ohr.

Vor dem muss mir nichts peinlich sein, beschließe ich, hebe den Arm mit Handy weit ausgestreckt entschlossen über Gesichtshöhe und mache ein Selfie.

Stimmt nicht, ist gelogen.

Ich will den Arm heben. Aber es bewegt sich nichts. Mentale Selfie-Blockade.

Das Selfie-Native-Mädchen lackiert jetzt ihre Fingernägel. Ich bin beeindruckt, wie selbstverständlich sie die Bahn zu ihrem Wohn- und Badezimmer macht.

Ich habe ja auch meine exhibitionistischen Züge. Breite mein Leben bloggend vor anderen aus. Da kann so ein verdammtes Selfie doch nicht so schwer sein.

Denke ich.

Jeder kann Selfies. Denke ich.

Das seh ich täglich im Multimedia-Dschungel. Selbst die, die keinen Satz ohne Fehler zusammenkriegen, können ein Selfie.

Vielleicht sollte ich das Selfie-Native-Mädchen fragen, ob wir eins zusammen machen? Besser nicht. Sonst hält sie mich für einen Freak. Der Ohrenpuler beginnt leise vor sich hinzusingen.

Gleich Endstation. Da steht der Zug 5 Minuten und fährt dann zurück. 5 Minuten, in denen ich allein hier sitzen und Selfies machen kann. Denke ich. Nicht der erste Irrtum heute. Als wir an der Endhaltestelle einfahren, stehen draußen schon die Wartenden für die Fahrt zurück. Panisch greife ich nach dem Handy. Wenn alle aus dem Zug raus sind und die von draußen noch nicht reingedrängt … Denke ich. Das ist meine Chance.

Ich strecke den Arm aus und drücke ab. 5 Mal. Dann sind die ersten Leute im Zug. Ich atme tief durch. Geschafft.

Während die Neueingestiegenen Platz nehmen, schaue ich die Fotos an. Auf Nummer 1 schiele ich. Auf Nummer 2 ist mein linkes Auge überdimensioniert groß. Auf Nummer 3 steht mir die Panik ins Gesicht geschrieben. Auf Nummer 4 ist mein halber Kopf zu sehen. Auf Nummer 5 … mein Knie. Auf 1 bis 4 habe ich verpasst zu lächeln. Ob ich bei Nummer 5 gelächelt habe, weiß ich nicht. Mein Knie guckt eher ernst. Ich bin definitiv nicht selfie-gen.

Verdammt, denke ich, während auf dem Zweier, wo vorher der Ohrenpuler saß, zwei Frauen Platz nehmen. „Morgen geh ihr zur Heilpraktikerin“, sagt die eine gerade. „Bioresonanz. Die soll mich auf Pfeifersches Drüsenfieber testen. Und Gastritis. Der Hausarzt hat ja nichts feststellen können. Auch bei der Stuhlprobe nicht. Aber ich hab ja auch so einen Stress“, sagt die Frau. „Ich mein, selbst im Urlaub hab ich keinen Schlaf gekriegt, weil meine Tante nachtaktiv ist.“

Verlegen angesichts dieser geballten öffentlichen Privatheit starre ich auf meine Füße. Wenigstens von meinen Turnschuhen könnte ich ein Foto machen, denke ich.

Ja, wenigstens die Schuhe!

Ich zücke das Handy. Richte die Kamera auf meine Füße. Die Stuhlprobenfrau hält inne und guckt mich irritiert an. Auf der nächsten Bahnfahrt wird sie von der Fußfetischistin berichten.

Ich packe das Handy weg. Täglich breiten Menschen in der Bahn ihre Privatheit aus. Aber ich krieg es nicht einmal hin, meine blöden Füße zu fotografieren.

„Bist du etwa selfie-shy?“, wird meine Freundin mich später grinsend fragen.

„Geradezu selfie-verklemmt“, werde ich antworten.

 

 


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.