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Bahnsprech für Einsteiger: der Trennungsbahnhof

von Sarah Meyer-Dietrich

In einer Übersicht der verschiedenen Bahnhofsarten stoße ich auf den Begriff Trennungsbahnhof. In NRW gibt es zahlreiche davon. Essen. Köln. Aachen. Bochum. Gelsenkirchen. Paderborn. Um nur die größten zu nennen.

Interessant, denke ich. Dass es an Bahnhöfen tagtäglich Abschiede gibt und dass manche davon endgültig sind, ist mir natürlich nicht neu.

Wir standen auf einem Nordbahnhof, schreibt Ingeborg Bachmann in einer ihrer Erzählungen, und der Zug ging um Mitternacht. Ich winkte nicht (…).

Und in einem Gedicht von Mascha Kaléko heißt es: Wenn einer fortgeht, gibt man sich die Hände. Am Bahnhof lächelt man, so gut es geht. Wie oft sind unsrer Sehnsucht Außenstände mit einem D-Zug schon davon geweht …

Aber nicht nur in der Literatur sind Bahnhöfe prädestiniert für Abschiede. Auch im wahren Leben. Weil einer fahren und der andere dem Zug hinterherschauen kann, der kleiner und kleiner wird.

Aber, frage ich mich, eignet sich nicht per se jeder Bahnhof als Trennungsbahnhof?

Wobei, wenn ich es recht bedenke … Es könnte Vorteile haben, bestimmte Bahnhöfe als Trennungsbahnhöfe zu klassifizieren. Bahnhöfe, die genau auf die Bedürfnisse der sich Trennenden zugeschnitten sind.

Ich stelle mir vor:

An den Ticketschaltern der Trennungsbahnhöfe kann man vorab die passende Trennungstour buchen, auf der der Abschied angebahnt werden kann. Bei Aachener Printen kann der Schmerz versüßt, auf der Hohenzollernbrücke in Köln symbolisch ein Liebesschloss geknackt werden. Unter dem Paderborner Drei-Hasen-Fenster wird der/die Verlassene in spe schonend auf einen Nebenbuhler oder eine Nebenbuhlerin vorbereitet.

Besonders begehrt: Der Trennungsspot zu Füßen des Gelsenkirchener „Monument for a Forgotten Future“, untermalt von leiser Mogwai-Musik, die aus den Tiefen des künstlichen Felsens dringt, der anlässlich der Emscherkunst 2010 dort aufgestellt wurde. Hier kann der oder die Trennungswillige ein „Du, wir müssen reden …“ angemessen in Szene setzen.

Ich stelle mir vor:

An den Trennungsbahnhöfen sind Fotoboxen aufgestellt, in denen Abschiedsbilder geschossen werden können. Damit der oder die Verlassene etwas zum Zerreißen hat.

So, wie es gekennzeichnete Raucherbereiche an Bahnhöfen gibt, gelb gerahmte Quadrate am Ende der Bahnsteige, könnte es Trennungsbereiche geben. Um Verwechslungen zu vermeiden, sind sie mit einem anderen Farbschema gekennzeichnet. Blau zum Beispiel. Weil mit der Trennung der Blues beginnt.

Statt Aschenbechern finden sich Taschentuchspender.

Bitte weinen Sie nicht außerhalb der gekennzeichneten Bereiche.

Ich stelle mir vor:

Da stehen sie dann. Die Nicht-mehr-Paare. Und schweigen, weil alles gesagt ist.

Über eine entsprechende App kann jedes Nicht-mehr-Paar aus einer Auswahl von Liedern den persönlichen Abschiedssoundtrack zusammenstellen, damit das Schweigen nicht zu laut wird.

Der oder die Abreisende sitzt dann im Zug. Und aus dem Kopfhörer klingt die persönliche Abschiedsplaylist. „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ von Christian Anders. Und „One way ticket (to the blues)“ von Neil Sedaka.

Ich stelle mir vor:

In den Bahnhofsmissionen der Trennungsbahnhöfe stehen Seelsorger für diejenigen bereit, die am Bahnsteig zurückgeblieben sind. Es gibt einen Bücherschrank mit Ratgebern von A wie „Abschiednehmen für Anfänger“ bis Z wie „Zum Glück endlich ohne dich!“, Erstberatungssprechstunden mit Scheidungsanwälten und eine regionale Express-Dating-Ecke für diejenigen, die es ganz eilig haben, ein neues Leben anzufangen.

In Bochum bekommen frisch Getrennte Starlight-Express-Tickets zum halben Preis und singen bei „Ich bin nicht G. E. K. U. P. P. E. L. T.“ wehmütig mit.

Keine schlechte Idee, denke ich, diese Trennungsbahnhöfe. Komisch nur, dass mir noch nie ein blau gerahmter Trennungsbereich auf einem Bahnsteig aufgefallen ist. Denke ich. Während mein Blick auf die Definition zum Begriff Trennungsbahnhof fällt. Trennungsbahnhof, der: Bahnhof an einer Streckenverzweigung mit Zugübergang von einer Stammstrecke auf eine abzweigende Strecke.

Ich gebe zu: Etwas enttäuscht bin ich schon. Wo Bahnhöfe sich doch so wunderbar für Trennungen eignen …

Und dann stelle ich Neil Sedaka auf volle Lautstärke. Choo, choo train chuggin’ down the track. Gotta travel on, never comin’ back. Oh, oh, got a one way ticket to the blues …

 

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.