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Bahnsprech für Einsteiger: Triebfahrzeugführermangelauswirkungen

von Sarah Meyer-Dietrich

Früher – ich schrieb es im letzten Beitrag – wollten viele kleine Jungs und heimlich womöglich auch die kleinen Mädchen Lokomotivführer werden. Heute dagegen werden Triebfahrzeugführer und Triebfahrzeugführerinnen händeringend gesucht.

Vielleicht, denke ich, liegt das auch an der Berufsbezeichnung.

Triebfahrzeugführer klingt furchtbar technisch und drückt einfach nicht aus, was wirklich dahintersteckt.

Vielleicht, denke ich, braucht der Beruf einen neuen Namen.

Als in der unendlichen Geschichte ein neuer Name für die kindliche Kaiserin gesucht werden muss, haben die Bewohner von Phantasien es ziemlich eilig. Weil Phantasien beginnt, Stück für Stück zu Nichts zu werden, und weil es vollständig zu verschwinden droht, falls kein passender Name gefunden wird.

Wenn ich darüber nachdenke, was passieren würde, wenn nicht genügend Triebfahrzeugführer und Triebfahrzeugführerinnen gefunden werden, wird mir ähnlich mulmig wie den Bewohnern Phantasiens. Mal ehrlich: Für mich als absolute ÖPNV-Nutzerin wären die Auswirkungen eines akuten Triebfahrzeugführermangels (ja, man kann seeeeehr viele Substantive aneinanderreihen in der deutschen Sprache! Triebfahrzeugführermangelauswirkungen!!) fatal.

Zwar würden die Orte um mich herum nicht zu Nichts werden. Aber ich könnte sie trotzdem nicht mehr erreichen. Sie könnten also genauso gut von der Bildfläche verschwunden sein. Meine Welt würde ohne Triebfahrzeugführer und Triebfahrzeugführerinnen zusammenschrumpfen auf einen Radius, den ich zu Fuß oder Rad gerade noch erreichen kann.

Mit anderen Worten:

Triebfahrzeugführer und Treibfahrzeugführerinnen sind für mich Helden.

Sie sind Welterschließer.

Ohne sie wäre meine Welt sehr klein.

Und das meine ich ganz ohne Pathos.

Egal wie früh ich in den Zug steige, der Triebfahrzeugführer oder die Triebfahrzeugführerin ist schon vor mir aufgestanden. Und wenn ich an Sonntagen über eine geringere Taktung meckere, dann werde ich in Zukunft daran denken, dass auch Helden gern mal einen Sonntag frei haben wollen. Genau wie ich. Genau wie so viele andere.

Eigentlich, denke ich, müsste in den Stellenanzeigen also stehen: Helden gesucht. Nicht: Triebfahrzeugführer/in gesucht. Aber ich sehe ein, dass sich dann zu viele Krankenpfleger/innen, Supermarktkassierer/innen, Kindergärtner/innen, Feuerwehrmännern und -frauen und so weiter und so weiter melden würden. Eben alle diejenigen, denen wir es ebenfalls zu verdanken haben, dass wir ein gutes, ein verdammt gutes Leben führen.

Triebfahrzeugführer und Triebfahrzeugführerinnen, denke ich und gerate ins Schwärmen, sind die mit dem Blick nach vorn, mit dem Durchblick, dem Weitblick. Sie sind die, die aufpassen, während ich aus dem Fenster schauend vor mich hinträume. Sie sind die, die den Weg kennen, während ich nur das Ziel wissen muss.

Sie sind die Wegbereiter und Gleispiloten.

Triebfahrzeugführer und Triebfahrzeugführerinnen arbeiten in einer Zukunftsbranche. Verkehrstechnisch gesehen vielleicht in der Zukunftsbranche. Denn ich kann mir schlichtweg nicht vorstellen, dass die Menschen in hundert Jahren noch Auto fahren. Dass Individualverkehr die Beförderungsweise der Zukunft ist. Zumindest nicht in einer Welt, in der wir noch leben können. In der die Erde nicht kollabiert, weil wir permanent individuell um uns selbst kreisen.

Und so sind Triebfahrzeugführer und Triebfahrzeugführerinnen auch Weltenretter, Ressourcenschoner, Zukunftsmöglichmacher.

Sie sind die besseren Rennfahrerinnen und Rennfahrer, weil Schnellanszielkommen bei ihnen tatsächlich zielführend ist.

Sie sind die High-Speed-Manager.

Die Distance-Fighter.

Sie geben die Richtung an. Sie wissen, wo es langgeht.

Sie sind die Chiefs of Public Transport und die Heads of Trains.

Und ich beginne einzusehen, dass es keinen passenden Namen geben kann. Keinen Namen, der all das in einem Wort sagt. In einem kurzen, knackigen, allesaufdenpunktbringenden Wort.

Dann eben doch: Triebfahrzeugführer. Sage ich und halte den Atem an. Hoffe sehr, dass meine Welt nicht auf einen Fußweg-Radfahr-Radius zusammenschrumpft, nur weil ich unfähig war, einen passenden Namen zu finden. Hoffe sehr, dass Phantasien niemals im Nichts verschwindet.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

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Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.