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Beautiful people?!

von Sarah Meyer-Dietrich

Das Leben in vollen Zügen genießen. Das sagt sich so leicht. Es gibt Tage, da mag ich wirklich nicht Bahn fahren. Die Bahnen können da nichts für. Wenn nur die Menschen nicht wären. Menschen, die Rolltreppen blockieren, wenn ich dringend meinen Zug erreichen will.

„Rechts stehen, links gehen!“ schreien hilft nicht. Genau so wenig wie ein höfliches „Entschuldigung, dürfte ich bitte?“ Beides hab ich schon ausgetestet.

Warum klappt es in Städten wie Berlin oder Frankfurt am Main, dass Menschen die linke Rolltreppenseite freilassen? Eingequetscht auf der Rolltreppe habe ich Zeit, über diese Frage nachzusinnen. Während mein Zug einfährt. Und wieder abfährt. Ohne mich. Vielleicht klappt es in Berlin und Frankfurt, weil die stehenden Menschen Angst haben, von den eilenden Menschen verkloppt zu werden, denke ich. Verkloppen kommt für mich nicht Frage. Weil ich mit Friedenstaube auf dem Familien-Auto und UNICEF-Plakaten im Kinderzimmer aufgewachsen bin.

Stattdessen entscheide ich mich für: Menschen wegrempeln auf dem Bahnsteig. Obwohl der Zug ja ohnehin längst weg ist.

Wegrempeln und mich fragen: Wo kommen die bloß alle her, die Menschen? Und warum müssen die dauernd überall herumstehen? Und zwar am allerliebsten mir im Weg?

Tut mir ja leid, wenn ich gelegentlich jemandem mit dem Ziehkoffer über die Füße fahre (heute habe ich keinen Koffer dabei), aber … Okay, nein, es tut mir nicht leid. Was stellen die auch ihre Füße dahin, wo ich gerade lang will? Kann ich ja nichts für.

Überall stehen sie im Weg, den Blick mit ihren Smartphones verwachsen. Nur wenn der Zug einfährt, da geraten sie plötzlich in Bewegung. Da will jeder der Erste sein, es wird geschubst und gedrängelt, dabei sind die ankommenden Fahrgäste noch gar nicht ausgestiegen.

Um ehrlich zu sein: Es gibt Momente, da scheint mir das Aussterben der Menschheit nicht die schlechteste Option zu sein. Dann heißt es Augen zu und durch. Survival of the fittest. Grundsätzlich mit dem Aussterben der Menschheit einverstanden zu sein, heißt ja nicht, mit gutem Beispiel vorangehen zu müssen, oder?

Survival of the fittest: Ellenbogen ausfahren. Platz ergattern. Geschafft!

Ein etwas breiterer Mann lässt sich auf den Platz neben mir plumpsen. Warum? Ausgerechnet? Neben mich? Mein Platz schrumpft. Und mit ihm das Gefühl des Triumphs. Der Mann kramt eine Mandarine aus der Tasche. Auch das noch. Ich hab nichts gegen Mandarinen. Aber beim Schälen braucht der Mann noch mehr Platz.

Die Menschheit kann aussterben. Und mit diesem Mann könnte sie doch anfangen. Denke ich. Da hält mir der Mann ein Stück Mandarine unter die Nase. Er lächelt mich freundlich an. Wirklich. Wahrhaftig. Er will seine Mandarine mit mir teilen. Keine Spur von survival of the fittest.

Ich schäme mich. Ich bin gerührt. Die Mandarine lehne ich zwar dankend ab. Aber das Lächeln behalte ich. Nehme es mit, als ich den Mann bitten muss aufzustehen, damit ich aussteigen kann.

„Danke“, sage ich. Und: „Auf Wiedersehen.“ „Einen schönen Tag noch“, sagt er. „Ihnen auch“, sage ich. Und meine das wirklich ernst.

Beautiful people, summt es in meinem Kopf. You ride the same subway as I do ev’ry morning … Ich komme zur Tür, wo ein anderer Mann den Öffnen-Button drückt, obwohl er gar nicht aussteigen will. Nur damit ich nicht den Button drücken muss. Einen schönen Tag wünscht auch er mir. That’s got to tell you something. We’ve got so much in common …

Der Türaufdrücker-Mann schenkt mir ein Lächeln. Ich schenk ihm das vom Mandarinen-Schäl-Mann weiter.

I go the same direction that you do.

Und ich frage mich, wie ich ihnen so unrecht tun konnte. Diesen wunderbaren, flauschigen Menschen. So if you take care of me. Maybe I’ll take care of you, singt es in meinem Kopf noch, als ich die Treppe runtergehe, in der Bahnhofsvorhalle ankomme. Auch noch, als eine Frau mir mit ihrem Rollkoffer über den Fuß fährt.

„Aua!“, schreie ich. Sie dreht sich nicht einmal um. Will wohl noch schnell den Zug erreichen. „Auf der Rolltreppe kommen Sie eh nicht vorwärts!“, rufe ich. Ich fühle, wie sich das Lächeln des Türaufdrücker-Mannes in meinem Gesicht zu einem schadenfrohen Grinsen verzieht.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.