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Da kannste was erleben oder vom Beginn wunderbarer Geschichten aus dem Bahnleben

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Es gibt die Menschen, die kommen am Abend nach Hause und haben nichts zu erzählen. Sitzen beim Abendbrot. Kauen ihre Schnittchen. Und wenn sie gefragt werden „Schatz, wie war dein Tag?“, sagen sie: „Wie immer.“

Heißt übersetzt zum Beispiel: Ich saß am immergleichen Schreibtisch und habe meine immergleichen Tätigkeiten ausgeführt. Das klingt nach entspanntem Arbeiten. Und nach eingeschlafenen Füßen. Nach gähnender Langeweile. Ganz zu schweigen von der Stille beim Abendbrot, die man dann schnell mit dem Fernseher übertönt. Damit endlich etwas passiert.

Und es gibt Menschen, die kommen nach Hause, haben noch nicht ihre Jacke aufgehängt, da sprudelt es schon aus ihnen heraus: „Schatz, du glaubst nicht, was mir heute passiert ist!“

Ich habe nur eine vage Ahnung davon, was jemand, der Kundenbetreuung im Bahnbereich macht, tagtäglich erlebt.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es da auf die Schatz-wie-war-dein-Tag-Frage selten bis nie heißt: „Wie immer.“ All die Menschen, denen man im Zug und auf Bahnhöfen begegnet … Es stecken so viele Geschichten dahinter. Ich wette, jeder der im Zug oder im Bahnhof arbeitet, könnte Romane mit solchen Geschichten füllen.

Ich erinnere zum Beispiel an eine Durchsage, die ich mal am Bahnhof in Düsseldorf gehört habe und die mich noch immer nicht loslässt: „Herr Schmidt (Name von der Redaktion geändert), Sie werden gebeten, mit Ihren zwei Kindern nach Hause zu fahren. Herr Schmidt, bitte fahren Sie mir Ihren zwei Kindern nach Hause.“

Die Spitze des Eisbergs: eine Durchsage.

Ich kann nur rätseln, welcher Eisberg unter dem Wasser verborgen ist.

Herr Schmidt, habe ich gedacht, hat vielleicht die Koffer gepackt und sich auf den Weg zum Düsseldorfer Airport gemacht, um mit seinen beiden Kindern eine Weltreise zu machen. Weil Frau Schmidt jeden Abend gefragt hat: „Wie war dein Tag, Schatz?“ Und jeden Abend hat Herr Schmidt gesagt: „Wie immer.“ Bis Frau Schmidt der Kragen geplatzt ist. „Was bist du nur für ein Langweiler“, hat sie Herrn Schmidt vielleicht an den Kopf geworfen. Und: „Was für ein Vorbild gibst du ab für die Kinder?“ Dabei hat sie auf Paula und Jan gezeigt, die betreten auf ihre Schnittchen geschaut haben. Wahrscheinlich hat es Frau Schmidt sofort leidgetan, dass sie Herrn Schmidt vor den Kindern so runtergeputzt hat. Spätestens als sie am nächsten Tag den Abschiedsbrief von Herrn Schmidt auf dem Küchentisch gefunden hat, hat sie entschieden, dass sie zu weit gegangen ist. Aber, so stelle ich mir vor, so einfach hat Herr Schmidt sich nicht aufhalten lassen. Dafür hat er Frau Schmidt von allen Orten, die er auf dieser Welt besucht hat, Postkarten geschickt. Und als sie zurückgekehrt sind, haben Herr Schmidt und die Kinder reichlich zu erzählen gehabt.

Oder, denke ich, vielleicht hat Frau Schmidt einen schlechten Tag gehabt und Herrn Schmidt auf die Frage „Schatz, wie war dein Tag?“ geantwortet: „Geh dahin, wo der Pfeffer wächst! Und die Kinder kannste gleich mitnehmen!“ Weil sie keine Lust mehr hatte, Herrn Schmidt und Paula und Jan jeden Tag wieder zu sagen, dass sie nichts, rein gar nichts erlebt hat. Weil sie diese Tage, die sich wie eingeschlafene Füße anfühlten, selbst so satt hatte. Sie hat das nur so dahingesagt, aber Herr Schmidt, der seine Frau sehr liebt und ihr keinen Wunsch abschlagen kann, hat gleich bei Wikipedia nachgeschaut und herausgefunden, dass Vietnam, Indonesien, Indien, Brasilien und Malaysia die größten Pfefferanbauländer sind. Er hat die Koffer gepackt, eine Notiz auf dem Küchentisch hinterlassen, und Frau Schmidt, die erst beim Lesen des Zettels erschrocken begriff, was sie angerichtet hat mit ihrem dahingesagten Satz, wollte schnell noch alles versuchen, um ihren Mann und die Kinder zu stoppen.

Das sind nur zwei von unendlich vielen möglichen Geschichten.

Welche Geschichte wirklich dahinter steht, werde ich nie erfahren. Aber es gibt jemanden, der sie erfahren hat. Denn sicher hat derjenige, der die Durchsage damals gemacht hat, gewusst, worum es ging. Und ich habe dadurch eine Ahnung davon bekommen, wie viele Geschichten in den Zügen und Bahnhöfen lauern. Witzige kleine Anekdoten. Herzzerreißende Liebesgeschichten. Thriller und Krimis. Familiendramen. Geschichten, die das Leben schreibt. Nicht Tatort oder Scripted Reality. Sondern das wahre, das richtige Leben.

Ich erinnere mich auch an eine andere Durchsage.

Nicht im Bahnhof, sondern im Zug: „Die Abfahrt des Zuges wird sich um wenige Minuten verschieben, weil die Zugführerin auf die Toilette muss.“ Im Anschluss sah man die Zugführerin über den Bahnsteig flitzen. Auch das vermutlich der Beginn einer wunderbaren Geschichte. Die der Zugbegleiter, der die Durchsage gemacht hat, am Abend seiner Frau erzählen konnte. Ich bin mir sicher, die beiden haben sehr gelacht.

Und auch die Zugführerin, so stelle ich mir vor, hatte abends etwas zu erzählen. Sie wird auf die Frage nach dem „Schatz, wie war dein Tag?“ nicht zu ihrem Partner gesagt haben: „Geh dahin, wo der Pfeffer wächst.“ Sie wird eine Geschichte zu erzählen gehabt haben. Auch davon, wie sie den Zugbegleiter gewarnt hat: „Wenn du so was noch mal machst, dann kannste was erleben.“ Dabei können sie sich doch über zu wenig Erlebtes ohnehin nicht beklagen.


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Schau dir die vorherige Geschichte „Keep Smiling …“ der Unterwegsschreiberin an oder durchsuche unsere älteren Geschichten.


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Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.