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Der Duft der großen weiten Welt

von Sarah Meyer-Dietrich

Züge transportieren uns von Ort zu Ort. Und manchmal, ganz selten, auch in eine andere, in eine vergangene Zeit. Manchmal passiert es mir, dass die Zugtür sich öffnet und den Weg in die Vergangenheit freigibt. In eine Zeit, die ich schon längst verloren geglaubt hatte.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Das ist der Titel des gott-weiß-wie-viel-seitigen Werks von Marcel Proust. Das ich nie gelesen habe. Eins aber weiß ich. Nämlich, dass Proust in diesem Werk eine Szene beschreibt, in der er – als erwachsener Mann – ein Stück Madeleine, dieses typisch französische Kleingebäck, in Tee einweicht und isst. Und sich mit dem Geschmack an ein Glücksgefühl erinnert. Nein, es wieder fühlen kann. Am eigenen Leib. Das Glücksgefühl des kleinen Marcel.

Was für Proust Tee und Madeleine, sind für mich Züge. Nicht irgendwelche Züge. Sondern diese alten Regional- und S-Bahnen, die heute kaum noch eingesetzt werden. Wenn fast alle anderen Züge gerade in der Hauptuntersuchung stecken vielleicht. Wenn unbedingt ein Ersatz gebraucht wird. Dann steht vor mir am Bahnsteig plötzlich einer dieser Züge. Ich steige ein. Rieche den Geruch der braunen Kunstlederbezüge. Und einen Hauch Zigarettenqualm, den ich mir vielleicht nur einbilde, weil er dazu gehört zu diesen Kunstlederbezügen. Kehre zurück in eine Zeit, in der es in Zügen noch Raucherabteile gab.

Ich atme tief ein. Und alles ist wieder da. Meine Kindheit. Meine Jugend. Konserviert in diesen Kunstledersitzen. Freigelassen wie der Geist aus der Lampe.

Ich erinnere mich. An Kindsein. Daran, wie eine Fahrt mit der Regionalbahn sich anfühlte wie eine Weltreise. Von Essen-Werden nach Essen Hauptbahnhof war Abenteuer. Draußen Stücke Welt, die ich nicht kannte. Schob ich das Fenster herunter, konnte ich die Nase in den Fahrtwind halten. Den Duft der großen weiten Welt zwischen Essen-Werden und Essen Hauptbahnhof erahnen. Heute sind die S- und Regionalbahnfenster nicht mehr zu öffnen. Der Duft der großen weiten Welt bleibt draußen. Ausgesperrt. Die Züge vollklimatisiert.

Das hat Vorteile. Aber es ist auch ein bisschen traurig.

Ich erinnere mich, wie wir früher auf den Weihnachtsmarkt fuhren mit der Bahn. In einer Zeit, in der gebrannte Mandeln und Paradiesäpfel noch einem Weltwunder glichen. Und wie wir später, vollbepackt mit Weihnachtseinkäufen, wieder in der Bahn saßen, meine Mutter, meine Geschwister und ich. Auf diesen Kunstledersitzen. Draußen dämmerte es. Und ich fühlte mich geborgen. Schlief schon halb ein. Das Gesicht an das kalte Glas der Fensterscheibe gelehnt. Weil es mir noch egal war, ob sich Viren oder Bakterien der Vorgänger dort tummeln könnten.

Ich erinnere mich an eine dieser Weltreisen bei Schnee und Eis. Weihnachten. Auf dem Weg zur Oma. Ich hatte meinen neuen Stoffpinguin dabei, den ich zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Der Pinguin schaute mit mir aus dem Fenster in die verschneite Welt. In einer Zeit, als Weihnachten noch weiß war.

Ich erinnere mich an meine Aufregung vor dem Weihnachtsgottesdienst von der Schule. Ich sollte ein paar Sätze sprechen dort. Ich war so aufgeregt, dass ich die ganze Nacht nicht schlief. Ich wollte auf keinen Fall diese Sätze sagen müssen, weil ich Angst hatte, mich zu verhaspeln. Ich sagte sie doch und später fuhren wir zur Belohnung auf den Weihnachtsmarkt.

Kunstledersitze riechen seitdem nach Mut und Tapferkeit.

Sie riechen nach bester Freundin. Damals, wenn wir shoppen fuhren in die Nachbarstadt. Mein weltbeste Freundin und ich. Auf dem Rückweg saßen wir auf den braunen Kunstledersitzen und zeigten uns noch einmal, was für Klamotten wir für Silvester geshoppt hatten. Die Dämmerung draußen verheißungsvoll. Silvester noch etwas Besonders, weil das Jahr dazwischen sich so viel länger anfühlte als heute. Ein ganzes Leben passte zwischen ein Silvester und ein nächstes. Draußen die Dämmerung und drinnen der Geruch von Kunstledersitzen und Juicy-Fruit-Kaugummi.

Mit den Kunstledersitzen kommt auch die Angst zurück. Die Angst, dass ich den roten Hebel an der Tür nicht rechtzeitig und fest genug runterdrücke. Dass ich weiterfahren muss bis zur nächsten Station. Weil das damals noch ein Weltuntergang war. Genau wie der erste Liebeskummer. Und auch der steckt für immer in den Kunstledersitzen.

Und so bin ich glücklich und traurig, wenn ich in einem dieser alten Züge sitze. Freue mich mit einem Mal wieder auf Weihnachten. Freue mich auf die Dämmerung draußen und den Weihnachtsmarkt. Auf Paradiesäpfel und gebrannte Mandeln.

Als der Zug an meiner Station hält, drücke ich den roten Hebel nicht früh und nicht fest genug herunter. Muss eine Station weiter fahren. Ein Weltuntergang. Und ein kleines Glück. Weil ich noch eine Station länger an diesem Ort bleiben kann, den es in Wahrheit längst nicht mehr gibt. Ehe ich aussteige und wieder hinaustrete ins Hier und Jetzt. Wo die Welt klein geworden ist. Und Silvester so egal.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.