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Die Quadratur des Kreises – wie ein Fahrplan entsteht

Sie stehen am Bahnsteig und hören die Durchsage: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, der RE 1 nach Aachen Hauptbahnhof fährt heute 10 Minuten später ab.“ Ärger macht sich breit und Sie denken: „Können die denn nicht einmal pünktlich kommen?“ Aber ist Ihnen dabei bewusst, wie komplex ein Fahrplan ist und wie leicht er aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann?

Wie wird ein Fahrplan erstellt?

Der Jahresfahrplan der Bahn wird über einen Zeitraum von 18 Monaten geplant und umgesetzt. Daran arbeiten hinter den Kulissen mehr als 600 Fachleute der DB Netz AG mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) zusammen – in NRW sind das Abellio Rail NRW, DB Regio NRW, eurobahn, National Express, NordWestBahn, Regiobahn und WestfalenBahn.

Planungsgrundlage ist ein rund 33.000 Kilometer langes Schienennetz, auf dem täglich 40.000 Personen- und Güterzüge verkehren. Und alle sollen pünktlich und störungsfrei fahren – in allen Bundesländern, an allen Bahnhöfen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Einmal pro Jahr wird dafür ein neuer Netzfahrplan aufgestellt.

Los geht es bereits anderthalb Jahre vor „Tag X“ –  dem Fahrplanwechsel. Dann beginnen die Fahrplaner damit, deutschlandweit die verfügbare Infrastruktur inklusive der größeren Baumaßnahmen zu erfassen. Die Information über dieses Infrastrukturpaket geht anschließend an die Eisenbahnunternehmen, die auf Basis dessen ihre Zugangebote entwickeln. Bei Bedarf werden die Planungen auch noch einmal angepasst.

Neun Monate vor Fahrplanwechsel geben die EVU ihre Trassenanmeldungen, das heißt Linien, die sie im folgenden Fahrplanjahr fahren möchten, bei der DB Netz AG ab. Stichtag hierfür ist immer der zweite Montag im April. Danach wird es kniffelig, denn es sind jetzt nur 50 Tage Zeit, um aus den zigtausenden Anmeldungen einen vorläufigen Netzfahrplanentwurf zu erstellen. Die Belegungen der Trassen werden geplant und mögliche Konflikte ausgeräumt. Dabei unterstützen digitale Programme.

Am ersten Montag im Juli erhalten die EVU schließlich den vorläufigen Netzfahrplanentwurf und haben einen Monat Zeit, Stellung zu nehmen. Für die DB Netz AG heißt das: warten. Nach der Stellungnahme der EVU Ende August erhalten die EVU dann den endgültigen Netzfahrplanentwurf, auch Trassenangebot genannt.

Die EVU nehmen Angebote an oder lehnen sie ab. Jetzt bekommen auch die kommunalen Verkehrsunternehmen den endgültigen Netzplan für ihren Bereich und können die Bus- und Straßenbahnfahrpläne entsprechend anpassen.

Am zweiten Sonntag im Dezember findet dann der Fahrplanwechsel aller europäischen Bahnen statt – in diesem Jahr ist das der 10. Dezember.

Verwobenes Konstrukt

Der Fahrplan NRW ist also ein verwobenes Konstrukt, durchdacht bis ins kleinste Detail und von vielen Beteiligten und Faktoren abhängig.

Wird nun das Netz an einer Stelle aus dem Gleichgewicht gebracht, hat das Auswirkungen auf das gesamte System – Verspätungen sind nicht immer zu vermeiden, womit wir wieder bei der eingangs beschriebenen Lautsprecherdurchsage wären.

Die Auswirkungen des letzten Sturms im Norddeutschland sind dafür ein gutes Beispiel. Viele Strecken konnten wegen Oberleitungsschäden, Bäumen im Gleis oder Unterspülungen nicht befahren werden. Dadurch fielen im Norden Züge aus, die beispielsweise in NRW oder anderen Bundesländern als Anschlusszüge eingeplant waren.

Anfragen wie „Könnten Sie bitte die S1 morgens von Dortmund nach Essen um 5 Minuten verschieben?“ sind aufgrund der Komplexität des Fahrplangefüges nicht kurzfristig zu realisieren. Über Veränderungen kann kein Verkehrsunternehmen alleine entscheiden. Denn keine Linie, weder auf der Schiene noch auf der Straße, fährt im luftleeren Raum. Allerdings berücksichtigen Verkehrsunternehmen und -verbünde die Fahrgastwünsche langfristig und bringen sie in die Planungen mit ein.