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Einfach Bus- und Bahntickets per eTarif: VRS testet FAIRTIQ

Moderne eTarif-Lösungen machen ein Smartphone im Handumdrehen zur flexiblen Fahrkarte für Bus und Bahn. Der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) testet jetzt die in der Schweiz entwickelte App FAIRTIQ. VRS-Geschäftsführer Michael Vogel und Sascha Triemer, Abteilungsleiter Tarif erklären die Herausforderungen, einen eTarif nach Kundenwunsch technisch umzusetzen.

Smartphone statt Fahrschein: Ist das die Ticketlösung der Zukunft?

Vogel: Es ist auf jeden Fall ein künftiges Ticketmodell, das von einer wachsenden Kundenzahl im Nahverkehr so gewünscht wird, und zwar über alle Altersgruppen hinweg. Das ist durch umfangreiche Marktforschungen belegt. Viele Fahrgäste wollen mit ihrem Smartphone einfach ein- und auschecken, Busse und Bahnen flexibel nutzen – ohne Tarifkenntnisse, ohne Kleingeldsuche und ohne Wartezeiten vor dem Ticketautomaten.

Löst der eTarif bestehende Tarife im VRS ab?

Vogel: Selbstverständlich nicht. Die bestehenden Tarife, die vor allem bei unseren Abonnementkunden bewährt sind, bleiben bestehen. Der eTarif wird ein zusätzliches Angebot sein, das sich vornehmlich an Gelegenheitsfahrer richtet. Wir bieten also eine neue Option. Wer die digitale Technik nicht nutzen will, kann weiterhin mit den bekannten Tickets fahren –- wir holen unsere Kunden da ab, wo sie stehen. Mobilität mit Bussen und Bahnen ist ein fester Bestandteil der Daseinsvorsorge. Insofern müssen wir alle Kundengruppen im Blick haben und ihnen entsprechende Lösungen bieten.

Welche Vorteile bietet ein eTarif für Bus- und Bahnkunden?

Triemer: Der eTarif baut Zugangshemmnisse zum Nahverkehr ab. Der Kunde braucht kein „Tarifabitur“ mehr, um mit Bus und Bahn zu fahren. Wir haben besonders den Gelegenheitsfahrer im Blick. Mit der FAIRTIQ-App, die wir in unserem eTarif-Projekt testen, kann der Kunde per Knopfdruck einchecken und auschecken. Die App findet automatisch das für ihn günstigste Ticket. Dabei werden wir gleichzeitig die Möglichkeiten eines Luftlinientarifs testen. Das ist für Kunden interessant, die kürzere Strecken über Tarifgrenzen fahren. Hier lassen sich Fahrpreise kundengerecht gestalten.

Warum haben Sie sich für FAIRTIQ entschieden?

Triemer: FAIRTIQ ist ein Start-up mit Erfahrung. Die Software ist in der Schweiz in mehreren Verkehrsverbünden bereits im Einsatz, auch in den Niederlanden läuft ein erfolgreiches Projekt. Dabei bietet uns FAIRTIQ ein System, bei dem zusätzliche, kostspielige Einbauten in Fahrzeugen oder an Haltestellen nicht nötig sind. Das ist wichtig, denn im Nahverkehr sind die Investitionszyklen lang, die digitalen Innovationszyklen aber werden immer kürzer.

Wo liegen die besonderen Herausforderungen beim eTarif im VRS?

Vogel: Auch im Nahverkehr funktioniert die Digitalisierung nicht ohne Internet. Das Netz muss flächendeckend funktionieren, aber das ist bei uns im ländlichen Raum nicht der Fall. Eine zweite Herausforderung stellen die komplizierten Ortungsverhältnisse in den städtischen U-Bahn-Tunneln dar. Das ist in der Schweiz so nicht gegeben. Deshalb prüfen wir jetzt erst einmal, inwieweit FAIRTIQ in unserem Verbund praxistauglich ist.

Wann können VRS-Kunden den neuen eTarif testen?

Triemer: Der technische Praxistest ist in zwei Staffeln unterteilt. Nach der ersten Staffel erfolgen notwendige Systemanpassungen und wir machen einen erneuten Testdurchgang. Läuft alles nach Plan, starten wir Anfang 2019 den Kundenakzeptanztest. 1.000 Testkunden werden App plus eTarif auf Herz und Nieren prüfen. Die ersten Freiwilligen haben sich übrigens schon gemeldet, obwohl wir die Akquise offiziell noch gar nicht gestartet haben.

Der VRR pilotiert zurzeit das nextTicket: Wodurch unterscheidet sich der eTarif im VRS?

Vogel: Wir sehen da mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Mit Blick auf eine eTarif-Lösung für den NRW-Nahverkehr gibt es zurzeit drei digitale Pilotprojekte: nextTicket im VRR, unser eTarif-Projekt im VRS und das grenzüberschreitende eTicketing im AVV. Wir testen unterschiedliche Technik und Tarifierungen. Alle Projekte waren im Vorfeld aufeinander abgestimmt und arbeiten jetzt Hand in Hand. Der VRR tarifiert nach Streckenkilometern, wir nach Luftlinie. Das Projekt in Aachen wiederum setzt auf die vertriebliche Innovation; zwei heterogene Tariflandschaften – einmal die deutsche, einmal die niederländische – werden in einem Hintergrundsystem technisch miteinander verknüpft. Am Ende aller Projekte steht hoffentlich ein ausgetestetes, ausgereiftes, nachhaltig gutes eTarif-System, das den Anforderungen digital affiner Bus- und Bahnkunden entspricht.

 

Fotos: © FAIRTIQ AG