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Wir machen das
Sarah Meyer-Dietrich hat ein Notizbuch auf dem Schoß und schreibt hinein.

Endstation Sehnsucht? – Teil 1

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

„Entschuldigung“, reißt mich jemand aus meinen Gedanken, die ich, am Bahnhof wartend, notiere.

Ich blicke auf. Vor mir steht eine Frau. Müde sieht sie aus.

„Entschuldigung“, sagt sie noch mal. „Ich wollte nicht stören. Aber ...“, sie deutet auf meine Notizen, „darf ich fragen, für was Sie da lernen?“

„Ich lerne nicht“, sage ich. „Ich notiere Ideen. Für einen Roman, an dem ich gerade arbeite.“

„Oh“, sagt die Frau. „Sie schreiben Bücher?“

Ich nicke. Will schon weiter notieren, als die Frau wieder zu sprechen beginnt. „Ich dachte“, sagt sie, „dass Sie für etwas lernen. Ich denke nämlich über eine Umschulung nach. Aber dafür bin ich wohl zu alt.“

Ich mustere sie. „So alt sind Sie doch noch gar nicht. Was für eine Umschulung denn?“

„Ich will Lokführerin werden“, sagt sie. Blickt auf ihre Schuhe. Schaut nicht auf, als sie sagt: „Meine Kinder haben mich ausgelacht, als ich ihnen von meiner Idee erzählt habe. Wahrscheinlich haben sie recht. In meinem Alter noch mal anfangen, die Schulbank zu drücken ... Und wie heißt das Sprichwort noch? Schreiner, bleib bei deinen Leisten?“

„Schuster, bleib bei deinen Leisten“, sage ich.

„Sehen Sie“, sagt die Frau, „Sie meinen auch, ich sollte ...“

„Nein“, unterbreche ich. „Ich meine bloß, dass es Schuster heißt. Nicht Schreiner.“

Die Frau lacht. „Sie kennen sich damit natürlich besser aus. Wenn Sie Romane schreiben.“

Ich muss grinsen. „Ich habe auch nicht gleich als Autorin gearbeitet. Es war zwar mein Traum, Bücher zu schreiben. Aber ich habe ein paar Jahre gebraucht, um meinen ursprünglichen Job an den Nagel zu hängen.“

Sie schaut mich mit großen Augen an. „Sie sind ja mutig.“

„Ich?“, frage ich erstaunt. „Nee. Ich könnte nie Lokführerin werden. Ich hab' ja schon Schiss, Auto zu fahren.“

Sie lacht wieder. „Das reizt mich gerade. Die Technik. Und ordentlich PS unterm Hintern.“

„Dann sollten Sie umschulen“, sage ich.

„Aber die Veränderung und das alles“, sagt sie wieder ernst. „Da hab' ich Angst vor.“

Ich nicke. „Mir hat mal jemand gesagt, wenn sich der nächste Schritt nicht zu groß anfühlt, dann ist er nicht groß genug.“

Sie runzelt die Stirn. „Haben Sie jemals bereut, den anderen Job an den Nagel gehängt zu haben?“

Ich schüttle den Kopf. „Aber ich bin ja auch kein Schuster.“

„Ich auch nicht. Nicht einmal Schreiner.“ Ihre Augen leuchten. Von Müdigkeit keine Spur.


Hier finden Sie den zweiten Teil der Geschichte.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

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