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Wir machen das
Sarah Meyer-Dietrich sitzt auf einer Bank an einem Bahnsteig. In ihrer Hand hält sie ein Buch und blickt in Richtung der Gleise.

Endstation Sehnsucht? – Teil 2

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

„Entschuldigung“, reißt mich jemand aus meinen Gedanken, die der am Zugfenster vorbeisausenden Landschaft nachhängen.

Ich wende den Blick vom Fenster. Eine Frau steht vor mir. Lächelt.

„Ich wollte nicht lang stören“, sagt sie. „Nur sagen: Ich hab’s gemacht.“

Ich runzle die Stirn. „Kenne ich Sie?“

„Sie erinnern sich nicht“, stellt die Frau fest.

„Nein“, gebe ich zu.

„Ich bin die mit der Umschulung“, sagt sie. „Schuster und Schreiner.“

„Natürlich!“, sage ich. „Sie sind die, die Lokführerin werden wollte.“

„Lokführerin wird“, sagt sie.

Ich mustere sie. „Kein Wunder, dass ich Sie nicht erkannt habe. Sie sehen so anders aus“, stelle ich fest. „Glücklicher. Sie werden also wirklich Lokführerin?“

Sie nickt. „Wenn alles gut geht. Ich stecke mitten in den Prüfungsvorbereitungen.“

„Und?“, frage ich. „Keine Angst mehr vor den Prüfungen?“

Sie grinst. „Und ob. Aber wird schon schiefgehen. Wie hat schon Goethe gesagt? Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...“

„Hesse“, sage ich. „Das hat Hesse geschrieben.“

Sie lacht. „Sie als Autorin kennen sich da besser aus.“

„Dafür kann ich keine Züge fahren“, sage ich.

„Ich freu mich so, dass ich Sie hier sehe“, sagt sie. „Ich wollte mich so gern bedanken.“

„Dafür, dass Ihr Lebenslauf jetzt eine Kurve macht?“, frage ich.

Sie nickt. „Wer will schon schnurgerade Lebensläufe? Das ist wie mit Bahnstrecken. Die, die sich hin- und herwinden, sind die Schönsten. Die anderen sind doch langweilig. Aber ... wenn ich Sie nicht getroffen hätte ... Ich glaub, ich hätte mich nicht getraut. Dieser Satz, den Sie gesagt haben. Wenn sich der nächste Schritt nicht zu groß anfühlt, dann ist er nicht groß genug. Das hat mir Mut gemacht.“

Wir lächeln uns an. Ich lächle immer noch, als sie längst ausgestiegen ist. Stelle mir vor, wie sie den Satz vom nächsten Schritt weitergibt. So wie ich ihn weitergegeben habe. Stelle mir vor, wie der Satz einen Menschen nach dem anderen anstößt. Und bewegt, glücklich zu sein. Ein Dominoeffekt. Weil das Leben doch wirklich zu kurz ist, um unglücklich zu sein, denke ich. Und dass das mit dem zu kurzen Leben doch eine ganz schön abgedroschene Aussage ist für eine, die mit dem Schreiben ihr Geld verdient. Abgedroschen, aber deshalb nicht weniger wahr, denke ich, während ich in die vorbeisausende Landschaft blicke.


Hier finden Sie den ersten Teil der Geschichte.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

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