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Sarah Meyer-Dietrich steht an einem Bahnsteig und schaut die Gleise entlang.

Ihr könnt nach Hause fahr’n

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech hinzu. Ein Satz, den irgendein Fußballer mal gesagt hat. Ein Satz, der mir in den Ohren hallt, als ich am Bahnsteig stehe. Ich hatte nämlich vergessen, dass ich heute einen Termin habe und bin Hals über Kopf zum Bahnhof aufgebrochen.

Das war kein Glück. Dann kam das Pech dazu: Ich habe ebenfalls vergessen, dass heute Lokalderby war.

Mit mir stehen Fan-Massen am Bahnsteig und singen: „Ihr könnt nach Hause fahr’n, ihr könnt nach Hause fahr’n, ihr könnt, ihr könnt, ihr könnt nach Hause fahr’n.“

Hoffentlich fangen die Fans jetzt nicht auch noch an zu hüpfen, denke ich, als ich mich in den Zug quetsche und zwischen zwei Frauen, die ich als Nicht-Fans einstufe, zum Stehen komme. Als der Gesang wieder einsetzt, brüllt Frau Nummer eins an mir vorbei: „Fußball. Werd’ nie verstehen, wie man sich dafür begeistern kann.“

„Kannste laut sagen“, antwortet Frau Nummer zwei.

Hat sie doch eben, denke ich.

„Und was die verdienen, die Spieler“, sagt Frau Nummer eins. „Dafür, dass die nur einem Ball hinterherrennen.“

Ein Fan dreht sich zu uns um. Jetzt gibt es Ärger, denke ich, ducke mich innerlich und versuche unbeteiligt auszusehen.

„Hömma“, ruft der Fan Frau Nummer eins zu. „Kannste so nicht sagen. Die sind ihr Geld schon wert. Worauf soll man sich denn freuen, wenn kein Fußball ist?“

„Wenn’s keine Spieler gäbe, würdeste die auch nicht vermissen“, behauptet Frau Nummer zwei.

„Ist das nicht mit allen Berufen so?“, gibt der Fan zu bedenken.

„Nee“, sagt Frau Nummer eins. „Denk mal an Ärzte und Krankenschwestern.“

„Und Handwerker“, sagt Frau Nummer zwei.

„Müllmänner“, mischt sich ein Fan in Kutte ein.

„Oder Zugführer“, sagt Frau Nummer eins.

„Ohne Zugführer wären wir nicht hier“, bestärkt Frau Nummer zwei, woraufhin der Fan mit der Kutte zu skandieren beginnt: „Ohne Zugführer wär’n wir gar nicht hier.“

Andere Fans stimmen ein. Der Gesang holpert, weil Zugführer eine Silbe zu viel hat. Wenn die nicht hier wären, denke ich, wäre das doch gar keine schlechte Sache. Andererseits: Ohne Zugführer wäre ja auch ich nicht hier. Oder, um es mit den Worten eines anderen Fußballers zu sagen: Jede Seite hat zwei Medaillen. Hoffentlich, denke ich, hört zumindest der Zugführer den Gesang.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

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