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Guck mal, ein Flirt!

von Sarah Meyer-Dietrich

„Guck mal“, sagt mein Freund. „Ein Flirt.“

Ich schaue mich um.

Auf dem Bahnsteig.

Schaue von Mensch zu Mensch.

Wer von denen könnte …?

Vielleicht der Mann da. Der Mann im Anzug. Die Nadelstreifen, Haare, Schuhe akkurat ausgerichtet. Den Blick akkurat auf die Anzeigetafel, die, zum Glück, er atmet auf, keine Verspätung verkündet. Ich stelle mir vor, wie er abends nach Hause kommt. Die Schuhe auszieht und akkurat abstellt im Flur. Später die Tiefkühlpizza in exakt gleich große Stücke schneidet, während er vor dem exakt ausgerichteten Flatscreen sitzt. Und dann ganz akkurat im Bett liegt. Immer auf derselben Seite des Bettes, obwohl die andere doch unbewohnt ist …

Nein, nicht der Mann.

Er flirtet nicht.

Aber vielleicht die Frau. Die Frau mit Kind an der Hand. Das Kind zerrt. An der Hand. So fest, dass mir schon das Hingucken wehtut. Das Kind zerrt, und ich glaube, es denkt, die Hand gehört ihm. Die Mutter steht und guckt ins Nichts. Ich glaube, auch sie denkt, die Hand gehört dem Kind. Gewohnheitsrecht. Das Kind zerrt schon zu lang an der Hand. Der Frau gehört schon lang nichts mehr allein. Sie flirtet nicht. Mit nichts und niemandem. Weil da das Kind ist. Das Kind, das alles haben will von der Welt. Von dieser Welt, von der die Frau nichts mehr wissen will.

Nein, nicht die Frau.

Sie flirtet nicht.

Vielleicht aber eins der beiden jungen Mädchen. Die da stehen und auf ihre Smartphones starren. Die tippen und starren. Und auf den Ohren Musik. Die warten, dass es endlich anfängt, dass es endlich richtig anfängt das Leben. Die nicht sehen, dass das Leben doch neben ihnen steht. Dass es überall sein könnte. Hier. Auf dem Bahnsteig. Nur nicht in dieser Vielzahl an Whatsapp-Gruppen. Vielleicht schreiben sie sich gegenseitig, denke ich plötzlich. Vielleicht schreiben sie sich gegenseitig, die beiden Mädchen. Vielleicht schreibt die eine der anderen: Der Typ gegenüber ist süß. Herzchensmiley. Und er könnte es sein, ihr Traumtyp, mit dem es endlich die echte, die richtige Liebe wird, aber wie soll sie ihn denn erreichen? Sie hat doch seine Nummer nicht.

Und er flirtet ja auch nicht, der Typ auf dem Bahnsteig gegenüber. Oder vielleicht ja doch. Vielleicht checkt er gerade Frauen oder Männer. Auf Tinder, Parship, PlanetRomeo. Checkt und checkt doch nichts.

Oder die Frau neben ihm. Der Mann tot. Schon lange. Die große Liebe hat sie hinter sich. Aber für eine kleine Liebe würde es noch reichen. Für eine kleine Liebe wäre noch Zeit. Eine unaufgeregte Liebe. Jemand, der da ist, wenn sie stürzt. Jemand, der sonntags mit ihr Tatort guckt. Der die Stille ausfüllt. Nein. Auch sie flirtet nicht.

Und ich stelle mir vor: eine Welt, in der Züge ausgestattet sind mit Single-Abteilen. Wo man keine blöden Herzen aufgeklebt tragen muss und keine Fotos auf Fotoshop-Spuren hin untersuchen. Abteile, in denen sie sitzen können, die Frau mit Kind, der Mann im Anzug, die jungen Mädchen, der süße Typ, die alte Frau. Sitzen und ins Gespräch kommen.

Ganz nebenbei. Auf dem Weg von A nach B. Menschen kennenlernen, die an ihren Bahnstrecken wohnen. Regional-Singlebörsen. Speeddating mit Exit-Option. An der nächsten Haltestelle werden die Karten neu gemischt. Wenn es nicht keine Liebe wird, dann vielleicht wenigstens eine nette Begegnung, ein kleiner Zeitvertreib auf dem Weg von A nach B.

„Welcher Flirt?“, frage ich meinen Freund.

„Na der da“, sagt er und zeigt auf den Zug an Bahnsteig 4.

„FLIRT“, sagt er, als ich blöd gucke. „F L I R T. Kurz für Flinker Leichter Innovativer Regional-Triebzug.“

Die Frau zerrt ihr Kind in den Zug. Der Mann im Anzug richtet sich akkurat auf dem Sitz aus. Die Frau nimmt ihm gegenüber Platz. Das könnte ein Anfang sein. Vielleicht.

 


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.