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Höchste Eisenbahn

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Das Schlimmste am Bahnfahren sind die Verspätungen. Nein, nicht die der Bahnen. Sondern meine eigenen.

Höchste Eisenbahn, denke ich, als ich morgens auf die Zeitanzeige meines Laptops schaue. Tasche, Jacke, Schlüssel schnappe. In die Schuhe schlüpfe. Aus dem Haus haste.

Fast immer kriege ich die Bahn gerade noch so eben. Manchmal nur, weil sie selbst Verspätung hat. Manchmal, so wie heute, weil ein hilfsbereiter Mitfahrer mich kommen sieht und den Fuß in die Lichtschranke hält (ja, da muss sich keiner wundern, dass Bahnen zu spät kommen, wenn dauernd jemand einen Fuß in der Lichtschranke hat, ich weiß, ich weiß).

Im Laufe des Tages beginne ich mich zu fragen, ob die dauernde Hetzerei mich alt macht. Die Dermatologen sind sich uneins, ob Stress die Hautalterung beschleunigt, lese ich auf dem Smartphone, auf der Rolltreppe stehend, ehe ich im letzten Moment noch auf das Gleis hetze. Egal, was die Dermatologen sagen: Ich fühle mich alt nach diesem Tag voller Hetze. Fühle mich alt, während ich schnaufend wie eine alte Dampflok in der Bahn stehe und ein Zugbegleiter auf mich zusteuert. Hastig krame ich nach meinem Portemonnaie. Finde es nicht.

„Keine Eile“, sagt der Zugbegleiter.

Du hast gut reden, denke ich und nehme mir vor, nie mehr morgens in Hetze zu Tasche, Schlüssel, Mantel zu greifen, sondern immer erst in Ruhe zu kontrollieren, ob auch wirklich das Portemonnaie in der Tasche ist.

„Ich hab Zeit“, sagt der Zugbegleiter freundlich.

Ich schaue verwundert auf. In sein entspanntes Gesicht. Was mach ich nur falsch, dass bei mir immer so wenig Zeit übrigbleibt?

„Vielleicht in der Seitentasche“, schlägt der Zugbegleiter vor.

Und genau da ist es, mein Portemonnaie, und wartet geduldig. Der Zugbegleiter lacht. Ich kann nicht anders, als zurückzulächeln, während ich ihm mein Monatsticket reiche, und er mein Ticket ausliest.

Dann runzelt er die Stirn. Mustert mich. „Echt? Ist die Altersangabe korrekt? Ich hätte Sie zehn Jahre jünger geschätzt. Sie halten sich fit, was? Viel Sport?“

Da muss ich wirklich lachen. „In gewisser Hinsicht“, sage ich. Und denke an meinen täglichen Sprint zur Bahn. Den ich trotz aller guter Vorsätze ganz sicher auch morgen wieder hinlegen werde. „Und danke“, sage ich. „Sie haben mir den Tag gerettet.“


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Schau dir die vorherige Geschichte „Vom Warten“ der Unterwegsschreiberin an oder durchsuche unsere älteren Geschichten.

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.