Header Item

Keep Smiling oder das Lächeln der Zugbegleiterin

von Sarah Meyer-Dietrich

„Danke schön“, sagt die Zugbegleiterin, als ich ihr endlich mein Ticket reiche.

Ich habe in meiner Tasche lange nach dem Portemonnaie suchen müssen. Zwischen Handy, Kalender, diversen Kugelschreibern – die ich sonst vergeblich suche, Schlüsseln, einem losen, klebrigen Bonbon, dem Ladegerät für meinen Laptop, einem Schirm, einer zerknüllten Brötchentüte, Taschentüchern, meiner Laptoptasche. Wieso muss auch immer genau dann jemand kontrollieren kommen, wenn ich gerade darin vertieft bin, etwas zu schreiben?

Natürlich habe ich nicht gemerkt, wie die Zugbegleiterin sich genähert hat. Sie reicht mir mein Ticket zurück. Lächelt.

Ich versuche zurückzulächeln. Aber es ist früh am Morgen. Und ich habe mein Lächeln zwischen Handy, Kalender, diversen Kugelschreibern, Schlüsseln, einem losen, klebrigen Bonbon, dem Ladegerät für meinen Laptop, einem Schirm, einer zerknüllten Brötchentüte, Taschentüchern und meiner Laptoptasche nicht finden können.

Die Zugbegleiterin wendet sich dem nächsten Fahrgast zu. „Die Fahrkarte, bitte.“

Ich blicke wieder auf meinen Laptop. Aber ich habe den Satz vergessen, den ich gerade hatte tippen wollen. Kein Wort weiß ich mehr davon. Nur, dass es sicher ein besonders schöner Satz war. Den ich nun nie, nie, nie im Leben aufschreiben werde.

Grummelnd blicke ich die Zugbegleiterin an. „Danke schön“, sagt sie. Lächelt.

Reicht dem nächsten Fahrgast das Ticket zurück. Der schaut sie schon gar nicht mehr an. Hat die Nase schon wieder in die Zeitung gesteckt.

Das Lächeln der Zugbegleiterin läuft ins Leere.

Ich versuche, meinen Satz wiederzufinden. Vergebens. Während die Zugbegleiterin von Sitzplatz zu Sitzplatz geht.

Um Fahrscheine bittet. Sich bedankt. Lächelt.

Um Fahrscheine bittet. Sich bedankt. Lächelt.

Um Fahrscheine bittet. Sich bedankt. Lächelt.

Wie oft am Tag, frage ich mich, lächelt die Zugbegleiterin. Und wie oft lächelt jemand zurück?

Natürlich weiß ich, dass oft Menschen zurücklächeln. Auch ich lächle meistens. Wenn ich mein Lächeln eben nicht gerade verlegt habe. Aber ich weiß auch, dass es nicht nur Lächeln und freundliche Sätze gibt im Zug. Ich weiß, dass Fahrgäste oft genervt sind. Da verspätet sich ein Zug, erhöhen sich Fahrpreise, ist das Wetter schlecht oder die Kaffeemaschine zu Hause kaputt. Wer muss es ausbaden? Die Zugbegleiter. Wie oft wird im Zug gemotzt. Gibt es schlechte Laune. Oder Diskussionen um Tickets, die aber nun mal nur zu bestimmten Tageszeiten oder in bestimmten Zonen gültig sind.

Und trotzdem:

Um Fahrscheine bitten. Sich bedanken. Lächeln.

Um Fahrscheine bitten. Sich bedanken. Lächeln.

Um Fahrscheine bitten. Sich bedanken. Lächeln.

Ob ich das durchhalten würde, frage ich mich. Freundlich zu bleiben, auch dann, wenn ich angemotzt werde?

Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich das ziemlich beeindruckend finde. Jetzt, wo ich endlich einmal darüber nachdenke. Und dann frage ich mich, wie es in unseren Zügen wohl aussehen würde, wenn die Zugbegleiter nicht mehr lächeln würden. Wie viel dunkler es dann wäre. Gerade an Tagen, an denen das Wetter schlecht ist und die Kaffeemaschine zu Hause kaputt, kann ein Lächeln den Tag retten. Ich habe das schon oft selbst erlebt.

Abends sitze ich wieder im Zug. Wieder kontrolliert eine Zugbegleiterin. Es ist tatsächlich dieselbe wie heute Morgen. Sie sieht ein bisschen müde aus. Aber sie lächelt noch immer, während sie um Fahrscheine bittet und sich bedankt.

„Danke“, sage auch ich. „Danke, dass es Sie gibt.“ Einen Moment lang blickt die Zugbegleiterin mich irritiert an. Vielleicht will sie prüfen, ob ich sarkastisch zu sein versuche. Ob jetzt die dicke Motzerei über Verspätungen, Tarife, Wetter und Kaffeemaschinen folgt. „Ich finde, das musste mal gesagt werden“, sag ich.

Da lächelt die Zugbegleiterin wieder. Und auch ich lächle.

Meinen Satz, den einen, schönen, habe ich nicht wiedergefunden. Suche ich mir eben einen neuen. Hauptsache: Das Lächeln ist wieder da. Zwischen Handy und Kugelschreibern und all dem anderen Zeug in meiner Tasche. Ich hab’ doch gewusst, irgendwo dort musste es sein.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Interessiert an einem Job in der Bahnbranche?

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.