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Lost in Trainslation

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Kennen Sie das? Sie sitzen im Zug, vertieft in ein Buch, eine Zeitung, Gedanken, blicken hoch, schauen aus dem Fenster und wissen plötzlich nicht mehr, welche Jahreszeit gerade ist.

Zum Beispiel, weil Novemberregen und Herbststürme mitten im März einen ganz schön aus der Bahn werfen können, was die jahreszeitliche Orientierung angeht.

Mir passiert so etwas öfter. Gerade neulich erst. Da blickte ich nicht aus dem Fenster, sondern auf ein Plakat in der Bahn, auf dem mir ein entspannter Herbst gewünscht wurde.

Ich dachte erschrocken: Schon wieder Herbst. Wo ist nur die Zeit geblieben?

Apropos Zeit, dachte ich: Habe ich eigentlich meine Uhr schon auf Winterzeit umgestellt? Und apropos Winter: Was muss ich noch an Weihnachtsgeschenken besorgen? Leider fiel mir kein einziges schon gekauftes Weihnachtsgeschenk ein. Höchste Eisenbahn, dachte ich mir, mich um Geschenke zu kümmern, wenn ich nicht noch auf den letzten Drücker alles erledigen will.

Und Silvester, überlegte ich. Wo feiern wir dieses Jahr? Und was sind meine Pläne fürs neue Jahr? Warum habe ich noch gar nichts geplant für 2020?

Ich wurde zunehmend nervöser, während ich in den Herbstregen starrte und mich fragte, wo der Frühling geblieben und wo ich eigentlich meinen Sommerurlaub verbracht hatte.

Ich konnte mich partout an keinen Sommerurlaub erinnern und mich überfiel der Gedanke: Jetzt ist es also so weit. So also fühlt sich das an, wenn man den Verstand verliert. Und dann dachte ich: Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt.

Während ich den Zugbegleiter auf mich zukommen sah, dachte ich: Hoffentlich habe ich wenigstens mein Ticket mit. Und dann dachte ich grinsend: Und wenn schon, zur Not kann ich immer noch auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.

„Na, Sie haben ja gute Laune“, sagte der Zugbegleiter, dem ich freudestrahlend mein Ticket hinhielt. „Und das bei dem Wetter.“ Er deutete nach draußen in den Regen. „Da meint man ja, es wird nie Frühling.“

„Das dauert ja auch noch“, sagte ich und deutete auf das Plakat mit den Herbstwünschen. „Jetzt erstmal Herbst. Und Winter.“

Der Zugbegleiter blickte auf das Plakat und lachte. „Haben wir das immer noch nicht ausgetauscht“, sagte er. „Das ist doch noch vom letzten Jahr.“

Um ehrlich zu sein, war ich schon ein kleines bisschen enttäuscht, weil ich gerade angefangen hatte, mich auf Weihnachten zu freuen. Trotzdem: Gut, wenn man einen Zugbegleiter hat, der einem bei der Orientierung hilft.


Lust auf mehr?

Schau dir die vorherige Geschichte „Höchste Eisenbahn“ der Unterwegsschreiberin an oder durchsuche unsere älteren Geschichten.

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.