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One day, oh baby, we’ll be old

von Sarah Meyer-Dietrich

Neulich. In der Straßenbahn. Eine ältere Frau. Mit Koffer. „Möchten Sie sitzen?“, fragte ich und nahm meine Tasche vom Sitzplatz neben mir. Sie deutete auf den Koffer. Dann auf den Abstand zwischen sich und dem Sitz. „Das schaff ich nicht.“ Dieser Satz warf mich aus der Bahn.

Sie hat es dann doch geschafft. Ich durfte nicht wirklich helfen. Sie hat es geschafft. Aber ich blieb aus der Bahn geworfen. Konnte nicht wieder zurück in das Buch, das ich gerade gelesen hatte. Konnte nicht aufhören, über das Schaffen und Nicht-Schaffen und Geschafft-Sein nachzudenken. Darüber, dass wir alle alt werden, es sei denn, wir sterben jung, aber das ist dann auch Mist. Darüber, dass wir alle irgendwann alt werden und dass wir diesem Irgendwann jeden Tag ein Stückchen näher kommen.

Es gibt Menschen, die das Leben mit einem Zug vergleichen. Mit einer Straßenbahn vergleichen geht auch. Wichtig ist für die Metapher nur das Zusteigen von Menschen, die einen eine Weile begleiten und dann wieder aussteigen. Wichtig ist, dass dieser Zug oder die Straßenbahn in Bewegung bleibt. Von Station zu Station werden wir älter. Und eines Tages sagen wir, die wir einst so mühsam laufen und hinfallen und aufstehen gelernt haben, beim Anblick eines Abstands von zwei Metern: Das schaff ich nicht.

Alt werden ist Mist, dachte ich, während ich neben der Frau mit dem Koffer saß.

Ich will gar nicht schreiben davon, dass älteren Menschen in Bus und Bahn nicht mehr freiwillig ein Sitzplatz angeboten wird. Denn eigentlich beobachte ich gar nicht selten, dass Sitzplätze freigemacht werden, und auch ich springe oft auf und sage: „Wollen Sie sitzen?“

„Nein, danke“, höre ich dann häufig. „Ich muss sowieso gleich raus.“ Und manchmal denke ich, dass es ein trotziges „Nein, danke“ ist. Ein „Nein, danke“, das nichts anderes heißen soll als: „Ich schaff das!“

Und ich verstehe ja. Verstehe den Trotz. Verstehe, dass man am liebsten mit dem Zug des Lebens bis zur Endstation kommen will, ohne alt zu werden. Ein langes Leben: Ja. Aber eben ohne das Altern. Es ist schlimm genug, dass man im Alter darüber nachdenken muss, ob man die zwei Meter mit Koffer durch die Straßenbahn schafft, nachdem man mühsam laufen, hinfallen, aufstehen gelernt hat. Es ist umso schlimmer in einer Welt, in der einem zwar ein Platz angeboten wird in der Bahn, aber in der man mit dem Altern keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Außer vielleicht am Geburtstag sagt einem niemand: Herzlichen Glückwunsch, dass Sie jetzt so alt sind. Man kann höchstens einen Blumentopf damit gewinnen, fit für sein Alter zu sein, ganz schön jung auszusehen für sein Alter, für Dinge also, die immerzu relativiert werden. Denn es heißt, nicht wirklich fit zu sein und jung auszusehen. Nur gemessen daran, dass alle Welt erwartet, dass man in diesem Alter gefälligst weniger fit ist und weniger jung aussieht.

„Was für ein Mist ist das?“, dachte ich. Warum wird Alter in unserer Gesellschaft nicht mehr geschätzt? Nein, nein, ich meine nicht im Sinne von „Schätz mal, wie alt ich bin“, sondern im Sinne von: Ich schätze dich – nicht obwohl, sondern weil du alt bist. Warum kommt es mir vor, als würde ich etwas Schlechtes über jemanden sagen, wenn ich sage, er oder sie sei alt? Warum klingt das nicht wie ein Lob?

Früher waren es die weisen Alten. Die, die schon viel gesehen hatten und im Zug des Lebens deshalb sagen konnten, wo es langgeht. Heute haben wir Navigationsgeräte. (Hier hinkt die Metapher mit dem Zug bzw. gerät ins Schlingern, dann halt der Bus des Lebens. Ist ja egal, Hauptsache, es gibt Stationen, an denen Menschen aus- und zusteigen können). Heute haben wir Smartphones und Apps, die uns alles verraten, was wir wissen müssen. Die Tragik daran ist, dass die jüngeren Generationen oft besser die Technik dieser Geräte verstehen, weil sie damit aufgewachsen sind. Und dann heißt es am Ende doch nur wieder: Für Ihr Alter kennen Sie sich mit Technik aber ganz schön gut aus. Nur weil man überhaupt einen Computer oder ein Smartphone bedienen kann.

Natürlich hat keiner Lust, in so einer Welt alt zu sein.

„Entschuldigung“, sagte plötzlich die Frau mit dem Koffer. „Können Sie mir sagen, wann wir am Bahnhof sind?“

„Natürlich“, sagte ich und zückte mein Smartphone, um schnell in einer meiner Apps nachzuschauen.

Da lachte die Frau mit dem Koffer. Lachte. Und grinste mich dann frech an. „Sie wissen es also nicht“, sagte sie. „Aber ich weiß es. Ich fahre diese Strecke jetzt schon so viele Jahre“. … Und dann begann sie zu erzählen. Aus ihrem Leben, das schon sehr lang war. Einem Leben voller Geschichten. Und während sie erzählte, dachte ich: Nicht alt, sondern erfahren müsste es heißen. Und dass es diese Geschichten sind, mit denen man immer noch einen Blumentopf gewinnen kann. Geschichten, die wir nicht nachlesen können in Apps und Wikipedia-Einträgen. Weil sie in den Köpfen der Menschen sind. Da. Und nur da.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.