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Reise ins Ich

von Sarah Meyer-Dietrich

„Wo gehen wir hin?“ – „Keine Ahnung, aber wir müssen los.“

Das schreibt Jack Kerouac in seinem legendären Roman „Unterwegs“.

Aufbrechen, nur um unterwegs zu sein? Warum, könnte man sich fragen. Warum eigentlich nicht, frage ich mich.

Dauernd sind wir unterwegs. Oft unter Zeitdruck. Immer mit einem klaren Ziel vor Augen, das uns mitunter blind macht für den Blick nach rechts und links.

Warum also nicht mal: Einfach NUR unterwegs sein. Bloß mal so. In Zügen, Bussen, Bahnen. Ganz ohne Plan (okay, ein Fahrplan wäre von Vorteil).

Neulich habe ich als Tipp bekommen, um eine Stadt zu erkunden: Einfach in eine x-beliebige Straßenbahn setzen, bis zur Endhaltestelle fahren, dort die Umgebung erkunden. Ich setze noch einen drauf und sage: Einfach in eine x-beliebige Bahn steigen und aus dem Fenster gucken, tut es mitunter auch schon.

Überhaupt, denke ich, sollten wir viel öfter aus dem Fenster schauen. Denn da draußen ist die Welt. Und die ist immer einen Blick wert.

So können wir – im wahrsten Sinne des Wortes – die Welt erFAHREN.

Muss doch was dran sein an diesem Konzept. Kann ja kein Zufall sein, dass Reisen – in Zügen, Bussen und Bahnen – so oft Thema in Romanen, Gedichten und sonstigen literarischen Schriften ist.

Vielleicht lieben Dichter das Reisen, weil dichten doch ganz bestimmt von dicht kommt. Und man in Zügen, Bussen, Bahnen oft dicht an dicht sitzt oder steht. Ich weiß wovon ich rede. Neulich erst saß ich in der Straßenbahn, als eine komplette Schulklasse zustieg.

Ganz bestimmt lieben Dichter das Reisen aber vor allem deshalb, weil man dabei so viel erfahren kann. Wie der Geräuschpegel in der Bahn mit einem Schlag ansteigen kann, wenn eine Schulklasse einsteigt, zum Beispiel. Oder wie es plötzlich in jeder Kurve kreischt – wenn ein Großteil der Mädchen keinen Sitzplatz gefunden hat.

In Zügen, Bussen, Bahnen etwas erFAHREN also.

Über die Welt.

Über die Menschen.

Über sich selbst.

Über sich selbst?

Gottfried Benn, der womöglich besonders häufig in den Hauptverkehrszeiten gedichtet hat, schließt sein Gedicht „Reisen“ so ab:

Ach, vergeblich das Fahren! / Spät erst erfahren Sie sich:

bleiben und Stille bewahren / das sich umgrenzende Ich.

Also: Keine Chance auf SelbtserFAHRung in Zügen, Bussen, Bahnen?

Oh doch, beharre ich. Und muss wieder an die Schulklasse denken.

Unterwegs kann man ganz offensichtlich etwas über die eigene Standfestigkeit erFAHREN. Ich stelle mich einfach ohne Festhaltemöglichkeit mitten in die Bahn und warte eine Kurve ab. Quatsch, mache ich natürlich nicht! So gut kenne ich meine Standfestigkeit nämlich bereits. Eine Selbsterkenntnis liefert mir aber schon das Gedankenspiel: Ich ähnle den kreischen Mädchen – siehe oben – mehr, als ich wahrhaben will. Ich habe bloß gelernt, mich immer festzuhalten.

Apropos: Steigt eine komplette Schulklasse in die Bahn, kann man erfahren, wie hoch die eigene Geräuschpegeltoleranz ist. Anhand der Gesichtsausdrücke der Sitznachbarn lässt sie sich das sogar im sozialen Vergleich bewerten. Schaut die Sitznachbarin tiefenentspannt, während ich selbst schon Richtung Notbremse schiele? Da geht noch was in Sachen Toleranz!

Auch die eigene Tagesform lässt sich so bestimmen: Wenn die kreischende Schulklasse plötzlich mehr nervt als sonst, liegt das nicht unbedingt daran, dass die Welt schlechter geworden ist – sondern vielleicht bloß die eigene innere Ruhe genauso aus dem Gleichgewicht geraten wie die sich nicht festhaltenden Mädchen.

In der Bahn ebenfalls zu erfahren: die eigene Höflichkeit und Rücksichtsfähigkeit.

Biete ich meinen eigenen Platz in der vollbesetzten Bahn älteren Fahrgästen an und wage mich zwischen die kreischenden Mädchen? Oder bleibe ich stoisch sitzen, den Blick stur aufs Smartphone gerichtet? Und wie steht es eigentlich um meine Kommunikationsfähigkeit? Frage ich höflich, ob ich vorbei darf, oder schubse ich die Schulklasse lieber um? Bitte ich um etwas Ruhe, oder setze ich lieber auf die suggestive Wirkung meiner bösen Blicke?

Und schließlich auf dem Heimweg. Es dämmert draußen schon, weil es Herbst oder Winter oder einfach bloß spät geworden ist. Das Bahnfenster reflektiert mein Gesicht. Ein prüfender Blick in die Spiegelbildaugen: Bin ich noch die, die ich sein wollte? Manchmal weichen die Spiegelbildaugen aus. Dann denke ich an Gottfried Benn. Und daran, dass es nicht leicht ist, das eigene Ich zu finden, zu umgrenzen, zu erfahren. Aber noch, denke ich, noch ist der Zug nicht abgefahren. „Wo gehen wir hin?“ – „Keine Ahnung, aber wir müssen los.“

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.