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S-Bahn-Sehnsucht

von Sarah Meyer-Dietrich

 

Es gibt Tage, da sitze ich im Home Office und habe Sehnsucht.
Sehnsucht nach der S-Bahn.
Kein Fernweh, kein Reisefieber.
Bloß Sehnsucht nach: einsteigen, hinsetzen, losfahren.

4 ½ Jahre bin ich mit der S1 von Bochum nach Solingen gependelt. Und zurück.

Bochum, Essen, Mülheim, Duisburg, Düsseldorf, Hilden, Solingen, Hilden, Düsseldorf, Duisburg, Mülheim, Essen, Bochum. Diverse Zwischenhalte. Der längste natürlich in Solingen, nämlich einen kompletten Arbeitstag lang.

Gesamtreisedauer hin und zurück: 3 Stunden.
Allerdings nur ein- bis zweimal die Woche.

Jetzt bin ich frei. Kein regelmäßiges Pendeln mehr. Luxusfaktor: Home Office
Ich sitze. Schaue aus dem Fenster. Und …
Nichts bewegt sich.
Immer die gleichen Bäume. Straßen. Häuser. Manchmal ein paar Wolken, die ziehen. Träge und gemütlich.

Dagegen die S-Bahn: Draußen dauernd alles in Bewegung. Städte, Felder, Flüsse, Menschen. Alles in Bewegung. Und in mir drin: das Auge des Taifuns. Die Stille. Das Vakuum. Da entsteht ein Raum, in dem ich arbeiten kann. Allein zwischen all den anderen Pendlern, die morgens noch ganz leise sind. Zeitung lesen. Ein Buch. Oder leise vor sich hin schnarchen. Einsteigen, hinsetzen, losfahren. Laptop aufklappen, durchatmen, in die Tasten hauen. Non-Stop. Bis Solingen.

In den 4 ½ Jahren habe ich neben der regulären Arbeit:

  • ein Fernstudium fast absolviert (fast, weil ich seit der Freiberuflichkeit einfach nicht dazu komme, endlich mal meine Bachelorarbeit zu schreiben)

  • unzählige Bücher gelesen

  • meinen Debüt-Roman mit dem handlichen Titel „Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen“ geschrieben

  • tonnenweise Überstunden angesammelt

Und sehr viel davon in der Bahn.

S-Bahn-Sehnsucht. Das ist die Sehnsucht nach einem Raum, der entsteht, wenn draußen alles in Bewegung ist. Die Sehnsucht nach einem Raum ohne andere Verpflichtungen. Keine störenden Anrufe (Handy auf lautlos). Keine quatschenden Kollegen. Keine Waschmaschine, die piept, weil sie ausgeräumt werden will. Nur die Fahrtkarte, die ich einmal in 1 ½ Stunden aus der Tasche wühlen muss. Dem Zugbegleiter hinhalten. Bitte. Danke. Gerne.

Ich bin immer noch dauernd „auf Achse“. Arbeite immer noch dauernd in der Bahn. Weil ich kreuz und quer durch die Region fahre. Zu Lesungen, Workshops, Auftraggebern. Aber 1 ½ Stunden am Stück habe ich selten.

Das nächste Mal, wenn ich im Home Office sitze. Aus dem Fenster starre. Und nichts sich bewegt. Nicht draußen. Und nicht drinnen. In meinem Kopf. Dann werde ich meine Tasche packen.

Laptop.

Handy.

Kalender.

Mein Office to go.

Mich in die S-Bahn setzen. Und fahren. Von Bochum nach Solingen. Und zurück. Ohne Arbeitstag dazwischen. Werde sitzen in diesem Raum, der sich auftut, nur für mich. Vielleicht, ja, vielleicht schaffe ich dann sogar noch meine Bachelorarbeit.

Bild: © Sarah-Meyer-Dietrich


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.