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Schreiende Kinder und andere Wunder

von Sarah Meyer-Dietrich

Ich sitze im Zug. Möchte lesen. Lehne mich gerade gemütlich zurück, als … ein Kind zu schreien beginnt.

Ich versuche trotzdem zu lesen. Das Kind schreit lauter. Ich werfe einen Blick in den Gang. Sehe einen Kinderwagen. Vielleicht, denke ich, ist das Kind noch sehr neu. Vielleicht probiert es erst aus, wie laut es schreien kann.

Ich sage nichts. Versuche nicht einmal, der dazugehörigen Mutter einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Will dem Kind nicht den Spaß daran verderben, herauszufinden, wie laut es schreien kann. Will der Mutter nicht den Spaß an ihrem vielleicht noch sehr neuen Kind verderben.

Ich erinnere mich an eine Zeichentrickserie von früher. „Es war einmal das Leben.“ Da wurden Vorgänge im menschlichen Körper erklärt. Ernährung, Stoffwechsel, Krankheit. Um den Organismus am Laufen zu halten, arbeiteten rote und weiße Blutkörperchen Seite an Seite. Es gab eine Schaltzentrale, Aufräumkommandos und Attacken von Bakterien und Viren. Und ich weiß noch, wie ich gedacht habe, was für ein Wunder es ist, dass ein Organismus überhaupt funktioniert.

Klar, denke ich jetzt, sind kleine Störungen vorprogrammiert. Hunger. Müdigkeit. Bauchweh. Kein Wunder also, denke ich, wenn so ein Kind schreit.

Die dazugehörige Mutter spricht jetzt in ihr Handy. „Nein“, sagt sie sehr laut, weil sie ja das Kind übertönen muss. „Wir sind noch nicht da. Der Zug hat Verspätung.“

Der Zug hat Verspätung, denke ich. Und dann denke ich wieder an „Es war einmal das Leben“ und frage mich zum ersten Mal, wer alles Seite an Seite daran arbeitet, dass ein Zug fährt. Klar. Ein Triebfahrzeugführer. Und ein Zugbegleiter.

Aber, denke ich, ehe der Zug fahren kann, muss er ja überhaupt erst mal existieren. Es muss also Menschen geben, die Züge bauen. Und Menschen, die die Züge planen, die gebaut werden. Und Menschen, die die Teile einkaufen, aus denen Züge bestehen. Und Menschen, die die Teile herstellen. Und Menschen, die die Teile kaufen, aus denen die Teile bestehen. Und Menschen, die diese Teile herstellen. Und Menschen, die die Rohstoffe einkaufen, aus denen die Teile der Teile gemacht sind. Menschen, die die Rohstoffe abbauen, veredeln, transportieren, verkaufen.

Und all das muss so getaktet sein, dass pünktlich ein Zug zur Verfügung steht, wenn er gebraucht wird.

Ich denke an die Bakterien und Viren in „Es war einmal das Leben“ und daran, dass natürlich auch ein Zug in Schuss gehalten werden muss. Jemand muss Ersatzteile kaufen und verkaufen und herstellen und einbauen. Jemand muss die Züge warten, und sie dürfen nicht zu lange in der Wartung bleiben, damit es keine Ausfälle gibt. Auch das muss genau getaktet sein.

Und dann, denke ich, muss es ja Gleise geben, auf denen die Züge fahren. Und Menschen, die diese Gleise verlegen. Menschen, die sie einkaufen. Menschen, die sie herstellen. Menschen, die die Rohstoffe für die Gleise beschaffen, abbauen, veredeln, transportieren. Und Menschen, die die Gleise warten und reparieren.

Es muss Menschen geben, die die Zugfahrten überwachen und Signale geben und Weichen stellen.

Menschen, die planen, wann welcher Zug fährt und Fahrpläne zusammenstellen.

Menschen, die die Züge reinigen. Das Klopapier in der Zugtoilette wechseln. Die Mülleimer leeren.

Menschen, die über Fahrten und Anschlüsse informieren und Tickets verkaufen. Menschen, die diese Menschen informieren und schulen. Menschen, die die Tarife planen. Menschen, die Apps und Seiten programmieren, über die man sich informieren kann. Menschen, die Menschen einstellen, die all das tun. Und Menschen, die all diesen Menschen ihre Gehälter überweisen, die Steuern und Beiträge zur Sozialversicherung abführen.

Es muss Menschen geben, die Triebfahrzeugführer und Zugbegleiter und Zugbauer ausbilden.

Menschen, die an den Bahnsteigen Verspätungen ansagen, und Menschen, die die Standardansagen einsprechen.

Menschen, die die Bahnsteige sauber halten, und Menschen, die Aufzüge und Rolltreppen im Bahnhof bauen und warten und so weiter und so fort.

All das ist ein riesiger Organismus, begreife ich. Ein wahnsinnig kompliziertes Zusammenspiel von unzähligen Menschen, die Seite an Seite arbeiten. Ein immenser Planungsprozess, von dem wir dauernd nur das Endergebnis sehen.

„Ist doch wahr“, sagt die Frau gerade. „Unglaublich, dass der Zug Verspätung hat.“

Unglaublich?, denke ich. Eher ein Wunder, dass überhaupt Züge fahren. Eine Verspätung ist doch wirklich kein großes Ding bei so einem riesigen Organismus, der Tag für Tag am Laufen gehalten werden muss. Ich stehe auf, gehe den Gang entlang und baue mich vor der Mutter auf, deren Kind immer noch schreit.

„Jetzt regen Sie sich mal nicht so auf“, herrsche ich die Frau an. „Ich rege mich ja auch nicht auf, dass ihr Kind schreit, oder?“

Die Frau guckt mich mit großen Augen an. Ich fürchte, sie versteht nur Bahnhof.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

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Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.