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Stand ja nix dran

von Sarah Meyer-Dietrich

Dank Martin Luther haben wir dieses Jahr einen zusätzlichen Feier- und einen zusätzlichen Brückentag. Brückentage sind super.

Endlich in Ruhe mal alles abarbeiten, weil alle Kollegen einen Urlaubstag genommen haben. Oder endlich mal in Ruhe Urlaub nehmen.

Oder endlich mal die höchste (Achtung, Wortwitz!) Eisenbahnbrücke Deutschlands angucken. Die Müngstener Brücke. Die sich von Solingen bis Remscheid über das Tal der Wupper spannt, das merkwürdigerweise über Wuppertal hinausgeht.

Sie haben das bestimmt längst gewusst. Das mit der Brücke und so. Ich hab es aber gerade erst rausgefunden. Keine Ahnung, warum solche Dinge oft an mir vorbeigehen. Warum dauernd irgendwas meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, und ich eine so große Sache wie die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands einfach übersehe.

Das wird jetzt anders. Beschließe ich. Ab jetzt schaue ich immerzu nach links und rechts. Vor allem im Zug. Wo links und rechts dauernd alles anders und neu ist. Und als allererstes schaue ich mir also diese Brücke an, die seit 120 Jahren auf nichts anderes wartet, als darauf, dass ich sie entdecke.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich war mittlerweile bereits an der Brücke. Nicht am Brückentag, sondern schon vorher, weil Geduld nicht zu meinen Stärken zählt.

Aber ich empfehle für diesen Brückentag unbedingt einen Besuch der Müngstener Brücke. Empfehle ihn besonders für Menschen, die wie ich zu selten nach links und rechts gucken. Nicht weil die Brücke so umhaut. Nein, ich meine, klar, sie ist schon nett anzusehen. Mit einer ähnlichen Konstruktion wie der Eiffelturm.

Die Brücke ist länger als der Eiffelturm hoch (aus der Abteilung unnützes Wissen: Es wurden allerdings weniger Nieten verbaut als für den Turm; etwa 950.000 Nieten in Müngsten, ca. 2,5 Millionen in Paris!). Und, ja, die Brücke ist auch ziemlich hoch. Ich bin bei ihrem Anblick froh, dass Elefantenkuh Tuffi damals aus der Wuppertaler Schwebebahn und nicht von der Müngstener Brücke in die Wupper geplumpst ist. Auch wenn ich Tuffi nicht persönlich kannte, war sie mir unbekannterweise immer sympathisch. Und, ja, der Park unter der Brücke ist idyllisch, gerade jetzt im Herbst. Mit goldgelben Blättern und was man halt von so einem herbstlichen Park erwartet.

Aber deswegen empfehle ich den Besuch nicht. Nein, ich empfehle ihn wegen der Bahnfahrt. Klar, Sie könnten mit dem Auto hinfahren. Aber erstens wird es am Brückentag vielleicht nicht so einfach, einen Parkplatz zu finden.

Denn an einem ganz normalen Sonntag, dem Sonntag nämlich, an dem ich zur Brücke gefahren bin, musste ich feststellen, dass die Brücke kein bisschen darauf gewartet hatte, dass ich sie entdecke. Vermutlich war ihr nicht einmal bewusst, dass es mich gibt. Weil sie vollauf damit beschäftigt war, scharenweise Besucher zu begrüßen und für unzählige Fotos zu posieren.

Zweitens empfehle ich die Anfahrt mit der Bahn, weil Sie mit dem Auto einfach das Beste verpassen.

Idealerweise geht die Anreise so: Entweder in Solingen Hauptbahnhof oder in Wuppertal Hauptbahnhof, jedenfalls an einer der Endhaltestellen der S7 einsteigen. Und losfahren.

Falls Sie nicht bloß über die Müngstener Brücke und bis zur anderen Endhaltestelle fahren möchten, sondern aussteigen und den Brückenpark mit Wupper und Kaiser-Wilhelm-der-Zweite-Gedenktafel besichtigen wollen, übrigens gleich mal der Hinweis: Solingen-Schaberg wäre dafür die richtige Haltestelle. Ich betone das, weil eine Frau sich eine Haltestelle zu spät bei mir nach der Müngstener Brücke erkundigt hat.

„Schaberg hätten Sie rausgemusst“, sagte ich ihr.
„Schade“, sagte sie. „Stand ja nix dran.“

Stimmt eigentlich. Auch wenn ich meine, dass es doch so schwierig nicht sein kann, sich vor der Fahrt zur Müngstener Brücke darüber schlauzumachen, wo man aussteigen muss. Aber für Menschen wie mich, die ich lange Zeit nichts von der Brücke geahnt habe, Menschen, die zu selten nach rechts und links gucken, weil sie dauernd irgendwie beschäftigt sind, wären Hinweise schön. Kleine Reiseführer, die in den Bahnen ausliegen. Oder Audioguides. Hier links sehen Sie jetzt das Tal unter der Müngstener Brücke. Rechts übrigens auch. Nun sehen Sie links Wald …

Und das ist es ja, egal, ob Sie nun in Schaberg aussteigen oder sitzen bleiben, was eigentlich toll ist an der ganzen Sache: Stunden in der Bahn … Da haben Sie jede Menge Zeit, um nach rechts und links zu schauen.

Sie sehen: Landschaft. Häuser, Wiesen, Felder, Wälder, Fabriken, Mauern, Gleise, Straßen, Wälder.
Vorbeirauschen. Zum Hineinversenken.
Brückentag.
Endlich Zeit für Entschleunigung. Beim bewussten Anhalten an jeder Milchkanne.

 


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.