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Superheldin. Nicht erst ab morgen

von Sarah Meyer-Dietrich

Immer, wenn ich Berichte über den Klimawandel, über Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern, über die Verschmutzung der Meere oder die Abholzung von Regenwäldern lese oder sehe, entscheide ich, dass alles anders werden muss.

Ich kaufe nur noch fair produzierte Kleidung, beschließe ich. Fleisch gibt es dann nur noch vom Biobauernhof. Kosmetika nur noch ohne Palmöl. Ich benutze keine Plastiktüten mehr. Und ich spare Energie, wo ich nur kann.

Ich werde die Welt besser machen.

Nein, ich werde sie retten.

Okay, ich werde wenigstens zu ihrer Rettung beitragen.

Und zwar gleich ab morgen.

Ich fühle mich großartig. Sitze aufrechter. Straffe die Schultern.

Die Welt retten. Ab morgen.

Bloß gibt es dann keinen Biobauernhof weit und breit, ich vergesse aufs Palmöl zu achten, ich hab zwar immer einen Leinenbeutel dabei, falls ich spontan einkaufen muss, aber dann reißt mir wieder mal die blöde Papiertüte, die ich für den Müll benutzt habe, und ich packe klammheimlich doch wieder eine Plastiktüte in den Mülleimer.

Die Welt retten ist anstrengend. Und zeitaufwändig.

Wem mache ich hier eigentlich etwas vor? Ich bin keine besonders gute Weltenretterin. Das ist traurig. Und ich werde es ändern. Morgen, denke ich und merke, wie ich wieder zusammensinke.

Wenigstens eins aber tue ich. Energie sparen. Und das nicht erst ab morgen.

Ich mache das Licht aus, wenn ich das Zimmer verlasse.

Und ich fahre Bahn.

Ja, ich fahre Bahn. Ich bin wenigstens eine halbe Heldin, erkenne ich. Wenigstens eine halbe Weltenretterin. Ich straffe zumindest eine Schulter wieder. Das sieht komisch aus. Aber zu mehr reicht es eben nicht.

Ich fahre Bahn und spare Energie. Im engeren Sinne. Weil Bahnfahren pro Kopf wesentlich weniger Energie verbraucht als Autofahren.

Und im übertragenen Sinne. Weil ich mich unterwegs nicht über andere Autofahrer aufregen muss, nicht auf den Straßenverkehr achten und nicht nervös sein muss, ob ich einen Parkplatz finde.

Gut, ich weiß, es kann auch mentale Energie kosten, wenn die Bahn zu spät kommt. Wenn der Anschluss nicht erreicht wird. All das passiert in einem Ballungsraum wie dem Rhein-Ruhr-Gebiet nicht selten. Weil die meisten Linien hier historisch gewachsen über die Zentren als Knotenpunkte laufen. Und wo Knoten sind, verheddert es sich halt auch mal. Wenn ein Zug verspätet ist, hat das mitunter Folgen für zig nachfolgende Züge. Aber so wie andere den Stau auf der A40 einplanen, plane ich eben Verspätungen und verpasste Anschlüsse mit ein.

Ich lege nie mehr als drei Termine auf einen Tag. Das ist gut. Ich neige nämlich ein wenig zu Größenwahn. Ich würde sonst vielleicht weit mehr Termine auf einen Tag legen, als für mich gut ist. Wenn ich mit dem Auto unterwegs wäre, hätte ich permanent Stress, weil ich denken würde, ich muss es jetzt noch zum nächsten Termin schaffen. Das müsste doch machbar sein. Da geht doch noch was.

Diesen Stress spare ich mir mit einer angemessenen Anzahl an Terminen und der Anfahrt per Bahn.

Okay, zugegeben. Die mentale Energie, die ich durch das Bahnfahren spare, verbrate ich auch gleich wieder. Jetzt zum Beispiel sitze ich im RE Richtung Dorsten. Und weil ich keine Energie brauche, um auf den Straßenverkehr um mich herum zu achten (meine anspruchsvolle Aufgabe besteht gerade mal darin, mitzukriegen, wann ich aussteigen muss. Meistens schaffe ich das. Nicht immer. Aber auch das lässt sich einplanen), habe ich Energie übrig, um diesen Blogbeitrag zu schreiben.

Ich glaube, ehrlich gesagt, dass Bahnfahrer gelassener sind.

Als Bahnfahrerin bin ich mir im Klaren darüber, dass vieles von dem, was passiert, nicht in meiner Macht liegt. Wenn der Zug sich verspätet, verspätet er sich eben. Wenn es zu Streiks, Tagebrüchen, Stellwerksbränden kommt, kann ich nichts dagegen tun. Ich habe eine gewisse buddhistische Gelassenheit entwickelt. Vorhin ist mir in Wanne-Eickel so gerade eben der Anschlusszug vor der Nase weggefahren, weil ich, optimistisch wie ich nun mal bin, gedacht habe, dass zwei Minuten Umsteigezeit reichen müssen. Manchmal stimmt das. Und manchmal … habe ich eine unverhoffte Frühstückspause in Wanne-Eickel. Kein Grund, mich zu ärgern. So frühstücke ich endlich mal in Ruhe. Ärgern ist ohnehin sinnloses Energieverbraten. Da verzichte ich doch lieber drauf und schreibe.

Trinke Tee.

Esse ein Brötchen.

Komme ganz entspannt bei meinem Termin an. Und freu mich darüber, mal wieder ein klitzekleines Stück Welt gerettet zu haben, ich halbe Superheldin.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das.“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.