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Trainspotted: ich und mein Leben

von Sarah Meyer-Dietrich

Es gibt Leute, die lesen seitenweise philosophische Abhandlungen, um neue Perspektiven auf das Leben zu bekommen. Habe ich zum Glück nicht nötig, sage ich und steige in die Bahn. Was Autofahrer in ihren Autos so verpassen, in diesen sicheren Blasen, in denen sie so schön allein am Leben vorbeifahren, denk ich und setze mich neben Menschen. Menschen, die da sitzen und kleine Fenster zu ihren Leben öffnen. Perspektivwechsel im Schnelldurchlauf.

Neulich erst. Ich in der Bahn. Mir gegenüber auf dem Zweiersitz: Papa und Sohn.

„Jonas“, sagt der Papa. „Die S-Bahn nach Langendreer kriegen wir nicht mehr.“

„Warum?“, fragt Jonas.

Er dürfte altersmäßig aus der Warum-Phase gerade schon raus sein, denke ich. Aus dieser Phase, in der Kinder immer weiter nachbohren, warum dies und warum jenes. Er fragt trotzdem. Warum wächst man überhaupt aus der Warum-Frage raus?, denke ich. Wahrscheinlich, weil man irgendwann die Nase voll davon hat, keine befriedigenden Antworten zu kriegen.

„Warum können wir nicht nach Langendreer?“, präzisiert Jonas nun seine Frage. Während sein Papa, vermutlich auf der Suche nach einer App, die mehr Hoffnung auf eine Fahrt nach Langendreer gibt, auf sein Handy starrt.

Warum ist auch die Frage, die mich als Jugendliche nicht selten den Schlaf gekostet hat. Wenn ich mir die Sinnfrage gestellt habe. Und da muss ich an Walt Whitman denken. Ich und mein Leben, die immer wiederkehrenden Fragen, der endlose Zug der Ungläubigen, die Städte voller Narren. Wozu bin ich? Wozu nutzt dieses Leben? Die Antwort: Damit du hier bist.

Ach, denke ich. Whitman hat ja auch über Züge geschrieben.

Jonas’ Vater hat die Hoffnung auf eine App, die eine optimistischere Antwort haben könnte, aufgegeben und sagt: „Weil wir zu spät von zu Hause los sind, und die S-Bahn in fünf Minuten am Hauptbahnhof abfährt.“

Ich fürchte, dass Jonas eventuell noch nicht so genau weiß, was fünf Minuten sind. Auch ich weiß das oft noch nicht so genau.

„Ich will aber nach Langendreer“, sagt Jonas.

„Die nächste Bahn nach Langendreer kommt aber erst in zwanzig Minuten“, sagt Jonas’ Papa. „Dann sind wir zu spät bei Carla.“

„Ich will aber nicht zu Carla. Ich will nach Langendreer“, sagt Jonas. Mit etwas mehr Nachdruck.

Langendreer, denke ich. Ein Stadtteil in Bochum. Der Nabel der Welt?

„Ich glaub aber nicht, dass wir die Bahn noch erwischen“, sagt Jonas’ Vater.

„Was heißt nicht erwischen?“, erkundigt sich Jonas interessiert.

„Dass die Bahn schon weg ist“, sagt Jonas’ Papa.

Jonas fängt an zu weinen. „Warum ist die Bahn schon weg?“

Ja? Warum? Warum fährt die Bahn ohne Jonas? Frage auch ich mich. Obwohl ich ja weiß, dass die Bahn fahren muss. Dass sie nicht auf Jonas warten kann, weil Jonas dann zwar nach Langendreer käme, aber alle anderen Mitreisenden die Verspätung in Kauf nehmen müssten. Die Bahn kann da also nichts für. Der Fahrer sowieso nicht. Und trotzdem: Da bekommen wir von Kindesbeinen an beigebracht, dass man alles erreichen kann. Wenn man es nur wirklich, wirklich will. Schrieb nicht Friedrich Halm: „Ich will! – Das Wort ist mächtig, / Spricht’s einer ernst und still; / Die Sterne reißt’s vom Himmel. / Das eine Wort: Ich will!“? Von wegen. Denke ich. Die Sterne vom Himmel reißen? Ja, vielleicht! Aber per Willensanstrengung den ganzen Fahrplan durcheinanderbringen? Nein, das geht nicht.

Bloß: Wie sagt Jonas’ Vater das dem Kinde?

„Ich will aber so, so, so gerne nach Langendreer“, weint Jonas. Herzerweichend. Weint so, dass bestimmt die Sterne ganz freiwillig vom Himmel fallen. Weint so, dass alle in der Bahn zu Jonas und Jonas’ Papa gucken. Weint so, dass nicht nur Jonas, sondern auch sein Papa mir allmählich leidtut. Und dass der S-Bahn-Fahrer, wenn er wüsste, wie Jonas weint, ganz sicher ein Auge zudrücken und den Bahnverkehr durcheinanderbringen würde. Aber der S-Bahn-Fahrer hört es ja nicht.

„Ich will endlich wieder mal nach Langendreer“, weint Jonas. „Wir waren schon so lange nicht in Langendreer.“

Und ich frage mich jetzt wirklich, was es in Langendreer so Großartiges zu sehen oder zu tun gibt. An diesem mystischen Ort. Diesem Sehnsuchtsort. An den nicht nur Jonas jetzt möchte. Sondern auch ich. Ein Ort wie aus dem Märchen. Ein Ort, den man nur erreicht in seinen Träumen. Langendreeeeeeeer … Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Langendreer, denke ich, während Jonas gar nicht mehr aufhören kann zu weinen.

„Können wir nicht bitte, bitte nach Langendreer?“, fragt Jonas unter Tränen.

„Aber was machen wir dann da?“, fragt Jonas’ Papa.

Und für einen Moment ist es mucksmäuschenstill in der Bahn. Weil alle den Atem anhalten. Gebannt auf die Antwort warten.

„Nichts“, sagt Jonas.

„Nichts?“, fragt Jonas’ Papa.

„Einfach in die Bahn zurück steigen“, sagt Jonas und lächelt.

Was ihnen entgeht, diesen Autorfahrern, denke ich, während wir uns angrinsen, meine Mitreisenden und ich. Ich und mein Leben, denke ich, die immer wiederkehrenden Fragen, der endlose Zug der Ungläubigen, die Städte voller Narren. Wozu bin ich hier? Morgen in Langendreer will ich darüber nachdenken. Morgen wird es mir schon einfallen.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.