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Wir machen das

Tapetenwechsel

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Ich sitze im Zug. Blicke in die vorbeifliegende Landschaft. Freue mich über die Bewegung. Wenn doch beim Blick aus meinem Arbeitszimmerfenster auch alles so in Bewegung wäre, denke ich. Vielleicht würden dann auch meine Gedanken schneller in Bewegung geraten und nicht so oft auf der Stelle treten. Wie ein Film kommt mir die vorbeiziehende Landschaft vor.

„Urlaub“, seufzt eine Stimme aus dem Off.

Ich wende den Blick vom Fenster ab und dem Mann zu, der da geseufzt hat. Er sitzt auf dem Sitzplatz mir gegenüber. Starrt ein Paar an, das sich gerade mit schweren Koffern durch den Gang quält.

„Urlaub müsste man jetzt haben“, sagt er.

Ich nicke.

„Ein Tapetenwechsel wäre mal nötig“, sagt der Mann.

Ich denke nach. Denke an den Urlaub, den wir dieses Jahr abgesagt haben, weil wir die Zeit und das Geld brauchen, um ein Haus zu sanieren. „Urlaub oder Tapetenwechsel“, sage ich dann, „man kann nicht alles auf einmal haben.“

Der Mann guckt verwirrt.

„Wir haben uns erst mal für neue Tapeten entschieden“, erkläre ich.

Der Blick des Mannes ist immer noch verständnislos.

„Oder“, füge ich deshalb schnell hinzu, „vielleicht auch keine Tapeten. Vielleicht bloß die Wände neu verputzen und Farbe drauf. Ist ja auch schön.“

„Aber fürs Gästeklo“, fahre ich fort, während der Mann mich prüfend mustert, „da schwebt mir schon eine Tapete vor. Mit altmodischem Blumenmuster vielleicht.“ „Jedenfalls“, sagt der Mann, „muss ich dringend mal raus. Ich kann auch meine Kollegen manchmal nicht mehr sehen. Immer die gleichen Gesichter. Jeden Tag.“

Er deutet mit dem Kopf in Richtung der Zugbegleiterin, die gerade die Fahrkarten des Urlauber-Paares kontrolliert. „Ob die wohl jemals einen Tapetenwechsel braucht?“, fragt der Mann. „Die sieht ja jeden Tag neue Gesichter. Und durchs Fenster dauernd andere Orte.“

Er scheint keine Antwort zu erwarten. Blickt aus dem Fenster. Gedankenverloren.

Und auch meine Gedanken sind schon wieder woanders. Bei der Tapete im Gästeklo. Altmodische Blumenmuster, denke ich. Oder vielleicht Wälder, Wiesen, Städte, denke ich, während draußen vor dem Zugfenster die Landschaft vorbeifliegt.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

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