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Wir machen das
Sarah Meyer-Dietrich sitzt in einem Zug und schaut aus dem Fenster. Draußen sieht man eine grüne Landschaft vorbeiziehen.

Fridays for future! Hugs for free!

von Sarah Meyer-Dietrich

„Die Jugend von heute“, sagt eine Frau in der S-Bahn neben mir und schüttelt den Kopf.

Mein Blick fällt auf ein Grüppchen Jugendlicher, die den Gang versperren und sich lauthals unterhalten. Über die Musik, die aus einem der Smartphones schallt, hinweg. Ich kann das zustimmende Nicken, das mein Kopf ausführen möchte, gerade noch unterdrücken. Bloß keine von denen werden, die sich über die Jugend von heute beschweren.

„Ach“, sage ich stattdessen betont lässig. „Meine Freundinnen und ich waren früher auch nicht besser. Wenn es auch damals Ghettoblaster statt Smartphones waren.“

Und es ist doch wahr, denke ich. Erinnere mich an Tage, an denen Mitreisende meine besten Freundinnen und mich am liebsten aus dem Zug geschmissen hätten, weil wir so laut gelacht und gekreischt haben. Erinnere mich, wie wir mitten im Gang auf dem Boden gesessen haben.

Wie wir geraucht haben, weil das damals noch erlaubt war in den S-Bahnen mit den rotbraunen Kunstlederlitzen, mit den Schiebefenstern und mechanischen Türöffnern.

Die Frau guckt mich verständnislos an. Wahrscheinlich war die nie jung, denke ich.

„Das meine ich doch gar nicht“, sagt die Frau. „Ich meine, die Jugend von heute und ihr Verhalten in Bezug auf den Umweltschutz ...“

„Ja gut“, sage ich. „Da haben wir uns früher schon mal zu engagieren versucht. Zum Beispiel haben meine Freundinnen und ich einen Tier- und Umweltschutzbund gegründet, um Hunde aus dem Tierheim auszuführen.“ Ich verschweige, dass dieser Bund, den meine besten Freundinnen und ich tatsächlich gegründet haben, nur ein einziges Mal tagte. Das Tierheim hatte keinen Bedarf, sodass wir stattdessen mit der Bahn in die Stadt fuhren. Kreischend und lachend. „Aber so richtig engagiert waren wir auch nicht“, sage ich, weil ich die Jugend von heute doch unbedingt verteidigen will. „In dem Alter hat man halt andere Sachen im Kopf.“

„Nee“, sagt die Frau. „Das ist es ja gerade, was ich an der Jugend von heute so bewundere.“

Sie zeigt auf die Gruppe Jugendlicher. „Die kommen gerade von einer dieser Demos“, sagt die Frau. „Mein Enkel demonstriert auch jeden Freitag. Und stellen Sie sich vor – will ich dem zum Geburtstag Geld schenken für den Führerschein, sagt der doch tatsächlich zu mir: ‚Brauch ich nicht, Omi. Ich mach keinen Führerschein. Öffis sind besser für die Umwelt.‘ Und wenn ich ihn frage, was er werden will, sagt er: ‚Ingenieur. Damit ich helfen kann, Züge zu entwickeln, die noch besser für die Umwelt sind. Bahnfahren, Omi, das ist die Zukunft.‘“

Ich schaue betreten auf die Gruppe Jugendlicher. Sie lachen und kreischen. So wie meine besten Freundinnen und ich damals. Eins der Mädchen hält ein Schild in die Höhe. FRIDAYS FOR FUTURE! HUGS FOR FREE!, steht darauf.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

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