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Sarah Meyer-Dietrich steht am Bahnsteig, lehnt sich an eine Säule und blickt in die Ferne.

PersonenNAHverkehr

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Nä­he und Dis­tanz. Wo sonst wird die­ser Un­ter­schied so of­fen­sicht­lich ver­han­delt wie in Bus­sen, Bah­nen und Zü­gen?

Rund 2,4 Mil­lio­nen Fahr­gäs­te wer­den in NRW täg­lich von Zü­gen der ver­schie­de­nen Ei­sen­bahn­un­ter­neh­men trans­por­tiert, le­se ich mit Er­stau­nen.

Wie vie­le Ki­lo­me­ter die­se rund 2,4 Mil­lio­nen Fahr­gäs­te wohl zu­rück­le­gen? Wie viel Dis­tanz sie tag­täg­lich auf­bau­en zum Ab­fahrts­ort A. Wie viel Dis­tanz zum Ziel­punkt B sie über­win­den. Wie un­glaub­lich vie­le Ver­bin­dun­gen kreuz und quer durch die­ses Bun­des­land sie span­nen.

Ich stel­le mir vor: Wenn wir all die­se Li­ni­en und Ver­bin­dun­gen mit sämt­li­chen Um­stie­gen ein­zeich­nen wür­den in ei­nen Plan des Ver­kehrs­net­zes – was für ein Ge­wu­sel da­bei her­aus­kom­men wür­de. Oder die Li­ni­en für ei­ne Wo­che. Für 2,4 Mil­lio­nen x 7 = 16,8 Mil­lio­nen Fahr­gäs­te. Oder die Li­ni­en für ein Jahr. Für 2,4 Mil­lio­nen x 365 = 876 Mil­lio­nen Fahr­gäs­te.

Und mit­ten­drin ich. Mit­ten­drin mei­ne Li­ni­en, die sich kreuz und quer durch das Netz span­nen. Das fein­ma­schi­ge Ge­we­be mei­ner Mo­bi­li­tät.

Wenn ich an die Zeit­zeu­gen­in­ter­views mit Berg­leu­ten aus Dort­mund den­ke, die ich ak­tu­ell aus Re­cher­che­zwe­cken le­se: Man­che von de­nen sind über ei­ne Stun­de zur Ar­beit ge­lau­fen. Und über ei­ne Stun­de zu­rück. Oder wenn ich an die Mut­ter der Stief­mut­ter mei­ner Mut­ter den­ke. Die je­den Mit­tag ei­ne Stun­de zur Ze­che lief, um ih­rem Va­ter das Mit­tags­es­sen zu brin­gen. Da­mals, in den 20er-​Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts.

Oder wenn ich an mei­ne Mut­ter den­ke. Die als Kind im­mer noch mehr als ei­ne hal­be Stun­de zur Schu­le ge­lau­fen ist. Klar, gab es in ih­rer Kind­heit schon Bah­nen. Aber die Net­ze wa­ren weit we­ni­ger gut aus­ge­baut. Die Tak­tun­gen nied­ri­ger. Die Fahr­kar­ten zu teu­er.

Wenn ich be­den­ke, wie dicht das Netz seit­dem ge­wo­ben wur­de. Dann stau­ne ich so­gar noch mehr als über die 2,4 Mil­lio­nen Fahr­gäs­te täg­lich.

Die Ver­dich­tung des Net­zes macht die Welt klei­ner. Lässt Dis­tan­zen schrump­fen. Bringt das einst Fer­ne in nun er­reich­ba­re Nä­he.

Und … apro­pos Nä­he: Das Le­ben in vol­len Zü­gen ge­nie­ßen. Die tie­fe­re Be­deu­tung ver­steht nur, wer schon mal wäh­rend der Rus­hour im RE zwi­schen Düs­sel­dorf und Bo­chum ge­stan­den hat, ein­ge­keilt zwi­schen Kof­fern und Men­schen. Das Le­ben in vol­len Zü­gen ge­nie­ßen. Das ver­steht nur, wer schon mal mit­er­lebt hat, wie es im Zug rich­tig ku­sche­lig wird.

Da be­kommt man den Hauch ei­ner Ah­nung da­von, was es be­deu­tet, dass rund 2,4 Mil­lio­nen Men­schen das Schie­nen­netz in NRW nut­zen.  Da re­la­ti­vie­ren sich Be­haup­tun­gen dar­über, dass in un­se­rer Ge­sell­schaft al­les zu an­onym sei. Dass zu viel Dis­tanz herr­sche zwi­schen den Men­schen. Da bleibt nicht ein­mal mehr ge­nug Raum, das Wort Dis­tanz auch nur zu den­ken. Da ent­steht ech­te mensch­li­che Nä­he.

Zum Bei­spiel neu­lich: Was für ein Mist­wet­ter, sagt die Frau, die ne­ben mir steht, wäh­rend von ih­rem Schirm Was­ser auf mei­ne Turn­schu­he tropft. Ich ni­cke und bli­cke wie­der auf mein Smart­pho­ne, wäh­rend ich mich ver­krampft an ei­nem Sitz fest­hal­te, um beim nächs­ten Halt nicht um­zu­fal­len und ei­nen Do­mi­no­ef­fekt aus­zu­lö­sen

Wirk­lich, sagt die Frau, ein rich­ti­ges Mist­wet­ter das. Um mei­ne Fü­ße bil­det sich ei­ne Pfüt­ze. Glau­be ich. Ich kann zwar nicht run­ter­schau­en auf die Fü­ße, weil ich zu ge­quetscht ste­he, aber ich kann füh­len, wie Was­ser in mei­ne Turn­schu­he kriecht.

Frü­her hat mir das nichts aus­ge­macht mit dem Wet­ter, sagt die Frau. Ich hab in der Ab­tei­lung Ju­gend­mo­de ge­ar­bei­tet. Im Ka­dewe in Ber­lin. Ken­nen Sie das?

Ja, sa­ge ich. Ich wür­de dem Ge­spräch aus­wei­chen, aber wo soll ich denn hin? Da ist doch kein Platz zum Aus­wei­chen.

Und wäh­rend drau­ßen der Re­gen an die Schei­ben pras­selt, pras­seln im Zug die Wor­te der Frau auf mich ein. Un­un­ter­bro­chen. Ich er­fah­re, wie vie­le Kin­der sie hat, wer von de­nen ver­stor­ben ist, wa­rum sie ei­nen gan­zen Kof­fer da­bei hat, ob­wohl sie nur bei ei­ner Freun­din über­nach­tet hat (Mo­de­bran­che, sie­he oben), wie alt sie ist (80, wird aber auf 70 ge­schätzt), dass sie kein Ge­fühl für das Al­ter an­de­rer hat (Sie sind ja noch jung, sagt sie. Sie sind doch höchs­tens zwan­zig, und ich den­ke: Ja, vor 17 Jah­ren stimm­te das) und ich er­fah­re, dass in der Mo­de das Wich­tigs­te ist: schö­ne Haa­re, schö­ne Ta­sche, schö­ne Schu­he.

Und plötz­lich be­grei­fe ich: Frü­her wä­re die­se Frau ein­sam ge­we­sen. Hät­te nicht ih­re Freun­din in der Nach­bar­stadt be­su­chen kön­nen. Nicht hier im Zug ne­ben mir ste­hen. Hät­te sich ih­re Ge­schich­te selbst er­zäh­len müs­sen. Zu Hau­se. Auf dem – Ach­tung, Bahn­me­ta­pher! – Ab­stell­gleis.

Mein Wi­der­wil­le schlägt um in Wohl­wol­len. Die­se Nä­he. Wie wun­der­bar. Den­ke ich, wäh­rend die Frau beim nächs­ten Halt ge­gen mich kippt, und wir – Wun­der über Wun­der – nicht al­le an­de­ren Men­schen im Gang mit uns rei­ßen. Ich bin wie­der zwan­zig. Al­ler­höchs­tens. Der SPNV über­win­det Dis­tan­zen in jed­we­dem Sin­ne. Das Le­ben rückt mir auf die Pel­le und sagt: Guck doch, wie schön ku­sche­lig und klein die Welt sein kann, wenn man ein biss­chen zu­sam­men­rückt.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

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