Sarah Meyer-Dietrich läuft am Bahnsteig entlang und tippt dabei auf ihrem Handy.

Vom Warten

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Neu­lich am Bahn­steig. Von ei­nem Fuß auf den an­de­ren tre­tend, weil es plötz­lich doch Win­ter ge­wor­den ist.

Weil das Wet­ter kei­ne Rück­sicht dar­auf nimmt, dass ich schon an­fan­ge, auf den Früh­ling zu war­ten und er­war­tungs­voll mei­ne Stie­fel ge­gen Turn­schu­he ge­tauscht ha­be. Um zu zei­gen: Früh­ling, ich kann dich kaum er­war­ten. Kaum je­mand, den­ke ich, wird sehn­li­cher er­war­tet als der Früh­ling.

„Na“, sagt ei­ne Frau, die ge­ra­de den Bahn­steig be­tritt, zu ei­ner an­de­ren Frau. „Lan­ge nicht ge­se­hen. Wo soll’s denn hin­ge­hen?“

Ja, den­ke ich. Wo soll es hin­ge­hen? Gu­te Fra­ge. Ich den­ke an Vor­sät­ze und Plä­ne. Sil­ves­ter ist ja noch nicht lan­ge her. Ich den­ke dar­an, wo es be­ruf­lich hin­ge­hen wird und wo pri­vat. Und dar­an, dass es Quatsch ist, für Vor­sät­ze und Plä­ne auf Sil­ves­ter zu war­ten. Wenn man et­was wirk­lich will, den­ke ich, dann muss man es so­fort tun. Wor­auf nur, den­ke ich, wor­auf war­ten wir?

„Nach Hau­se“, sagt die an­de­re Frau.

„Ich auch“, sag­te die ers­te Frau. „Wenn der Zug doch schon da wä­re.“

Ja, den­ke ich und muss grin­sen. Klar. Dar­auf war­ten wir. Auf den Zug.

„End­lich zu Hau­se sein“, sagt die ers­te Frau, weil die an­de­re schweigt. „End­lich be­que­me Schu­he an­zie­hen.“ Sie schaut auf ih­re Pumps. „Ich has­se mei­nen Job.“

„Ach“, sagt die an­de­re Frau. „Ich hab es nicht ei­lig. War­tet so­wie­so kei­ner auf mich.“

Und ich den­ke, wie gut ich es ha­be. Dass ich nicht mit Pumps zur Ar­beit muss, son­dern Turn­schu­he tra­gen kann.

Dass zu Hau­se je­mand auf mich war­tet. Dass da nicht nur ei­ne lee­re Woh­nung ist. Wo al­so soll es hin­ge­hen? Viel­leicht ein­fach blei­ben, wo ich bin, den­ke ich. Nicht un­be­dingt auf die­sem Bahn­steig. Aber in die­sem Ab­schnitt mei­nes Le­bens. In dem doch al­les ge­ra­de gut ist bis auf die kal­ten Fü­ße.

„Jetzt könn­te der Zug aber wirk­lich mal kom­men“, sagt die Frau mit Pumps.

Ich stel­le mich ne­ben die bei­den Frau­en. „Wis­sen Sie was“, sa­ge ich, „wie wä­re es, wenn Sie Lok­füh­re­rin­nen wer­den? Da müs­sen Sie kei­ne Pumps tra­gen. Und Sie wer­den im­mer sehn­süch­tig er­war­tet. Be­wer­ben Sie sich. Wor­auf war­ten Sie noch?“

Und wäh­rend die bei­den mich ver­wirrt an­schau­en, wäh­rend der Zug ein­fährt und die ers­ten Schnee­flo­cken fal­len, den­ke ich, dass es doch stimmt.

Der Früh­ling kann ein­pa­cken, den­ke ich. Egal, um wel­che Jah­res­zeit, egal ob mit oder oh­ne Ver­spä­tung: Wenn je­mand wirk­lich und im­mer sehn­lich er­war­tet wird, dann sind es die Lok­füh­rer.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

Weitere spannende Artikel