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Von halben Lauschangriffen und ganzen Ohrwürmern

von Sarah Meyer-Dietrich

Ich mag Nägel mit Köpfen, mag es, B zu sagen, wenn ich A gesagt habe. Was ich nicht mag, sind halbe Sachen. Halbe Gespräche im ÖPNV zum Beispiel.

Sie kennen das doch. Sie wollen es sich gerade gemütlich machen. Ein Buch lesen, die Zeitung aufschlagen, den Laptop aufklappen. In dem Moment klingelt das Handy eines Mitreisenden. Ich bin sicher, dass auch Sie da genervt sind. Denn in regelmäßigen Abständen erscheinen Studien darüber, wie viel Prozent der Deutschen genervt sind von Handygesprächen in der Öffentlichkeit. Einige Studien liefern sogar Erklärungen dazu: Halbe Gespräche sind schlechter zu ertragen, weil unser Hirn immerzu versucht, die andere Hälfte zu ergänzen.

Ich kann bei Gesprächen sonst ganz gut mit halbem Ohr hinhören (halbe Ohren sind okay, wenn ich dafür das, was ich eigentlich gerade machen wollte, nicht halbherzig erledigen muss). Bei Handygesprächen aber gelingt mir das nicht. Und die vielen offenen Fragen, die nach einem mitgehörten Handygespräch bleiben, treiben mich noch in den Wahnsinn. Blöd auch: Gespräche, die ich nicht ganz mitbekomme, weil die Menschen, die sie führen, erst mitten im Gespräch ein- oder mittendrin wieder aussteigen.

Beim nächsten Mal, denke ich, lasse ich mich nicht abspeisen mit halben Gesprächen. Wenn jemand aussteigt, ohne seine Geschichte zu Ende erzählt zu haben, steige ich mit aus. Wenn jemand ein Handygespräch führt, soll er mir im Anschluss alle offen gebliebenen Fragen beantworten. Ich habe ein Recht auf die zweiten, die fehlenden Hälften der Geschichten. Wer A sagt, muss auch B sagen.

Und schon steigt ein Typ ein. Bereits telefonierend, sodass der Anfang des Gesprächs fehlt. Doppelt fies also. Der kann was erleben.

Ja, ein dickes Problem hast du mir gemacht, sagt er.

Sofort hat das halbe Gespräch meine ganze Aufmerksamkeit. Ein dickes Problem. Der Anfang aller guten Bücher, Filme, Serien. Mit einem Problem fängt alles an.

Kriegst du das jetzt?, fragt er.

Kriegt X was?, notiere ich.

Sondern?, fragt er.

Ich bin immer noch nicht schlauer.

Wo bist du?, fragt er.

Ja. Denke ich. In welchen entlegenen Winkeln dieser Welt treibt X sich gerade herum, um das dicke Problem von Y zu lösen? Ich notiere: Wo?

Warum, was sacht der?, fragt Y.

Mit einem Schlag ist Z im Spiel. Ein dritter Unbekannter. Das Telefonat fällt eindeutig in die Kategorie höhere Mathematik.

Ja, ich muss da ganz kurz hin. Dann komm ich wieder. Wann bist du denn fertig mit dem Jobcenter?, sagt Y.

Wo = Jobcenter, notiere ich. Darauf wäre ich nicht gekommen. Vermutlich ist X nicht dort, um das dicke Problem von Y zu lösen, sondern erst einmal seine eigenen Probleme? Was aber hat Z damit zu tun, notiere ich weiter.

Ja, dann sorg wenigstens dafür, dass Leute kommen, sagt Y.

Party? Notiere ich.

Oder was ist mit diesen anderen Jungs?, fragt Y. Haben die das vermasselt, oder was?

Ich streiche „Party?“ wieder durch.

Haben die Russen das Geld?, fragt Y.

Ich rutsche tiefer in meinen Sitz.

Wann bist du wieder zu Hause?, fragt Y.

Hallo?, fragt Y.

Pause. Ich wage es nicht, durch die Sitze hindurch einen Blick in Richtung Y zu riskieren. Nicht einmal einen halben, nicht einmal einen Viertelblick.

Junge, wenn ich dich anruf, geh dran, sagt Y. Deutlich schlechter gelaunt jetzt.

Pause. Ich halte den Atem an.

Geh dran und drück mich nicht weg, Alter, schreit Y ins Telefon und geht Richtung Tür. Ich könnte ihm folgen und ihn zur Rede stellen.

Aber wer A sagt, muss doch nicht immer B sagen, oder?

Menschen steigen aus. Menschen steigen ein.

Ich starre meine Notizen an. Auf dem Platz von Y sitzt jetzt ein kleiner Junge mit Kopfhörern. Laut abgespielte Videos und Musik nerven laut Studien in der Öffentlichkeit übrigens auch, allerdings nicht ganz so schlimm wie Handygespräche. Auch bei der Musik nerven ganz besonders die Halbheiten. Basswummern ohne den Rest der Musik zum Beispiel. Sie kennen das. Nicht wahr?

Der kleine Junge hört Musik ohne Bass. Ich begebe mich wieder in eine aufrechte Sitzposition. Der Kleine singt mit. Nicht den ganzen Text. Nur Fragmente. Mal Bier holen … wieder hässlich … Bier holen … schön. Ein halbes Lied. Ein ganzer Ohrwurm. Na besten Dank auch …

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.