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Von Streckensperrungen und anderen Glücksfällen

von Sarah Meyer-Dietrich

Mein Zug wird wegen einer Streckensperrung umgeleitet, ich bin erst gegen zwei Uhr nachts zu Hause, schrieb mir neulich sonntags ein Freund.

Streckensperrung.

Umleitung.

Weit nach Mitternacht zu Hause.

Auf solche Nachrichten wartet die Trollwelt. Da können sie sich aufregen. Da haben sie etwas, auf das sie sich stürzen können. Hunderte, Tausende, Abertausende (was für ein schönes Wort, das ich viel zu selten benutze!) Trolle hauen in die Tasten. Nicht ohne vorher die FESTSTELLTASTE ZU DRÜCKEN, VERSTEHT SICH!

Wer auch in die Tasten haute, war besagter Freund. Aber nicht, weil er sich aufregte.

Im Gegenteil. Er reagierte mit Gelassenheit. Ob das an der buddhistischen Praxis lag, in der er sich übt? Jein. Vielleicht auch. Aber nicht nur.

Sondern vor allem daran, dass er wirklich Besseres zu tun hatte, als sich aufzuregen. Nämlich: einen langen Brief schreiben, der längst fällig war. Die Streckensperrung hatte ihm keine Zeit geraubt – sondern geschenkt.

Wann sonst hätte er es schaffen sollen, diesen Brief zu schreiben? In diesem Leben, das dauernd so vollgestopft ist mit Dingen, die man tun muss, soll, will? In diesem Leben, in dem sich immerzu alles drängelt, als gäbe es was umsonst.

Vielleicht hätte mein Freund den Brief ein anderes Mal geschrieben, könnte man argumentieren. Man könnte aber auch sagen: Vielleicht hätte er ihn zu spät geschrieben. Denn, ja, ganz genau, Verspätungen sind kein Spezialphänomen des öffentlichen Nahverkehrs, sondern permanenter Teil unseres Lebens.

Dauernd verschieben sich Zeitpläne, dauernd kommt alles anders als geplant. Nur so als Beispiel, aus aktuellem Anlass: Unsere Deutschland-Public-Viewing-und-Meisterschaftsfeier-Pläne können wir jetzt mal getrost auf 2022 verschieben. Etwas philosophischer ausgedrückt: Alles fließt. Und damit meine ich jetzt nicht die WM, die aus deutscher Sicht gerade den Bach runtergegangen ist. Zumindest nicht nur.

Also, auch ich schreibe jetzt einen Brief. Nicht, weil mein Zug Verspätung hätte, sondern weil ich Verfrühung habe. Ich bin etwas zu übereilt aus dem Haus gegangen und sitze an der Haltestelle. Und nutze die Zeit, um loszuwerden, was längst mal gesagt werden musste.

Ihr lieben Trolle, möchte ich schreiben.

Moment. Besser mit Feststelltaste …

IHR LIEBEN TROLLE.

Ich verstehe euch nicht.

Ich verstehe zwar, dass Verspätungen ärgerlich sind, wenn man einen dringenden Termin verpasst. Aber ich verstehe das Getöse nicht, das ihr darum macht. Verstehe nicht die Wut, die euch gleich dazu treibt, Beschimpfungen und Verfluchungen in eure Smartphone- und Computertastaturen zu tippen, statt die überschüssige Zeit mit schönen Dingen zu füllen. Mit netten Nachrichten und langen Briefen an Freunde. Um ihnen zu sagen, was ihr schon immer mal sagen wolltet. Oder bloß nicht oft genug sagt: Danke, dass es dich gibt. Bitte sei mir nicht mehr böse. Ich liebe dich – schon immer.

Es ist Zeit, diese Dinge zu sagen. Jetzt. Sofort. Nicht eines Tages erst. Oder schlimmer: nie. Weil der Tod dazwischenfunkt. Der wie die Verspätungen zum Leben dazugehört, egal wie sehr wir uns einzureden versuchen, wir wären unsterblich.

Eigentlich ist es doch ein Wunder, dass wir überhaupt leben. Dass diese vielen hochkomplexen Prozesse in unseren Körpern über so weite Strecken so gut funktionieren. Genau wie es ein Wunder ist, dass die Bus- und Bahnverbindungen in diesem hochkomplexen Streckennetz über so weite Strecken so gut funktionieren. Vielleicht solltet ihr, liebe Trolle, es einmal von dieser Seite aus betrachten. Vielleicht zieht eure Wut, die so viel Raum einnimmt, dass ihr sie bei jeder Gelegenheit in Form von Gift und Galle in die Welt spucken müsst, sich dann in verborgene Winkel zurück. Wird klein und kleiner. Wie die Orte, die wir Zug fahrend hinter uns lassen, kleiner und kleiner werden, bis sie verschwunden sind.

Ich möchte es all den Trollen in Großbuchstaben auf ihre Stirn schreiben.

Nein, doch lieber keine Großbuchstaben. Keine Ausrufezeichen. Die sind zu groß. Zu wütend. Zu laut. In kleinen, feinen Buchstaben möchte ich es den Trollen auf ihre Stirn schreiben. In kleinen feinen Buchstaben sollten wir es uns allen auf die Stirn schreiben: Freuen wir uns doch über die pünktlichen Züge, das Leben, die Zeit, die uns eine Verspätung schenkt, über die Menschen, die wir lieben, die uns lieben, über die Zeit, die uns bleibt.

Freuen wir uns, dass wir in mobilen Zeiten leben. Nicht viele Stunden auf den einzigen täglich fahrenden Zug warten müssen. Bei Verspätungen Briefe in unsere Smartphones und Laptops tippen können, statt eine Reiseschreibmaschine und den dicken Stapel Papier aus dem Koffer zerren zu müssen. Freuen wir uns. Jetzt. Sofort. Nicht erst morgen.

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.