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Was die kindliche Kaiserin und der Triebfahrzeugführer gemeinsam haben …

von Sarah Meyer-Dietrich

Früher, heißt es, wollten alle kleinen Jungs Lokomotivführer werden.

Nur die kleinen Jungs. Nicht die kleinen Mädchen.

Oder vielleicht haben die kleinen Mädchen sich bloß nicht getraut zu sagen, dass sie Lokomotivführerinnen werden wollten. Weil sie dachten: Das gehört sich nicht für kleine Mädchen.

Denn dass alle kleinen Jungs Lokomotivführer werden wollten, betrifft eine Zeit, die längst vorbei ist. Eine Zeit, in der Gender-Mainstreaming ziemlich sicher als Begriff noch nicht einmal erfunden worden war. Und in der vermutlich auch noch niemand darüber nachgedacht hatte, mit einem Girl’s Day Mädchen für technische Berufe zu interessieren.

Damals jedenfalls wollten alle kleinen Jungs Lokomotivführer werden. Oder zumindest viele kleine Jungs. Und heimlich vielleicht auch das eine oder andere kleine Mädchen.

Keine Ahnung, wann genau sich das geändert hat. Wann die kleinen Jungs damit angefangen haben, nicht mehr Lokomotivführer werden zu wollen. Wahrscheinlich, so denke ich, war es eine schleichende Entwicklung über die Jahre hinweg.

Als ich in der Grundschule war, wollten die kleinen Jungs jedenfalls lieber zur Polizei. Oder Rennfahrer werden. Oder Piloten. Die kleinen Mädchen wollten Tierärztinnen werden oder irgendwas mit Pferden. Das weiß ich noch sehr genau. Auch, weil es in jedem „Meine Schulfreunde“-Buch eine Zeile gab, in die man den Traumberuf eintragen sollte. Ich allerdings wollte keine Tierärztin und nichts mit Pferden werden. Sondern Malerin. Oder Forscherin. Oder Autorin. (Eine Zeit lang Pommesbuderin, aber das war nur eine sehr kurze Phase im Kindergarten).

Seit meiner Grundschulzeit haben sich laut Studien die Berufswünsche nicht maßgeblich geändert. Die kleinen Jungs wollen immer noch Polizisten und Rennfahrer und Piloten werden und neuerdings auch Fußballprofis. Die kleinen Mädchen Tierpflegerinnen und Tierärztinnen. Oder Models.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, warum früher die kleinen Jungs Lokomotivführer werden wollten. Wenn ich nämlich an die alten Dampfloks denke. Laut stampfend, pfeifend, dampfend, glühend, mit einer unbändigen, fast animalischen Kraft. Das war cool – in einer Zeit, als cool noch nicht diese Bedeutung hatte.

Kein Wunder, dass Jim Knopf unbedingt in die Fußstapfen seines Ziehvaters Lukas treten und eine Dampflok wie die alte Emma fahren wollte. Kein Wunder, sagt die Frau, die schon als Kind Autorin werden wollte, denn: Ja, ganz genau, Jim und Lukas sind eigentlich einem Buch von Michael Ende entsprungen und nicht erst als Marionetten der Augsburger Puppenkiste.

Aus den kleinen Jungs, die Lokomotivführer werden wollten, wurden Männer.

Aus den Dampfloks wurden Verbrennungsmotor- und Elektrolokomotiven. Und vielleicht im (Achtung, Wortwitz!) Zuge dessen fing es an, dass die nachwachsenden kleinen Jungs und Mädchen nicht (mehr) davon träumten, Lokomotivführer/innen zu werden.

Heute werden Lokomotivführer händeringend gesucht.

Warum schreibt keiner der kleinen Jungs und keins der kleinen Mädchen heute Lokomotivführer/in in die Zeile Traumberuf in den „Meine Schulfreunde“-Büchern?

Weil Lokomotiven heute nicht mehr so laut stampfend, pfeifend, dampfend, glühend sind? Nicht mehr mit einer unbändigen, fast animalischen Kraft ausgestattet?

Na und? Dafür sind sie heute schneller, die Technologien innovativer, die Bahn in einer Welt, in der wir angefangen haben, darauf zu achten, wie viel CO2 ausgestoßen wird, mehr denn je eine Zukunftsbranche. Der Begriff Lokomotivführer trifft es also nicht mehr. Deshalb werden heute auch eigentlich keine Lokomotivführer mehr gesucht, sondern Triebfahrzeugführer.

Eine Sache, die ich an der deutschen Sprache sehr mag, ist die Möglichkeit, quasi unendlich viele Substantive aneinanderzureihen und ein neues Wort daraus zu machen. So wie man einen Wagen nach dem anderen an eine Lok hängen kann.

Manchmal kommen Worte dabei heraus, die klingen einfach wunderschön. Bahn-Steig-Romantik zum Beispiel. Andere aneinandergehängte Substantivreihen klingen weniger schön. Trieb-Fahrzeug-Führer.

Die Frau, die schon als Kind Autorin werden wollte, muss auch hier an ein Buch von Michael Ende denken. An die unendliche Geschichte. An die kindliche Kaiserin, die einen neuen Namen braucht. Sonst wird sie sterben und mit ihr wird Phantasien untergehen. Vielleicht, denke ich, vielleicht braucht auch der Triebfahrzeugführer einen neuen Namen. Einen Namen, der weniger sperrig und technisch klingt. Einen Namen, den nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Jungs und Mädchen stolz auf ihre Berufswunschliste setzen können. Weil er ausdrückt, was noch immer dahintersteckt. Nämlich: ein ziemlich cooler und vor allem ziemlich wichtiger Job.

Aber, um es in Michael Endes Worten aus der unendlichen Geschichte zu sagen: Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

 

 

Lust auf mehr?

Die letzte Geschichte der Unterwegsschreiberin findet sich hier und eine Übersicht älterer Geschichten hier.

 

Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.