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Wenn keiner stört

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

„Mit der möchte ich nicht tauschen“, sagt die Frau neben mir und guckt der Zugbegleiterin hinterher, die unsere Tickets kontrolliert hat.

„Schichtdienst wäre nichts für mich. Arbeiten wenn andere noch schlafen oder schon Feierabend haben.“ Ich nicke vage und denke an meine eigenen Arbeitszeiten, die ich als Freiberuflerin wechsle wie der Bahnhofsbäcker seine Tagesangebote.

Ich denke an das erhabene Gefühl, schon einiges abgearbeitet zu haben, ehe es hell wird. An meine Zufriedenheit, wenn ich in der Bahn nach Hause sitze, während andere noch in den Büros hocken. Ich denke daran, wie schön es umgekehrt ist, im Bett zu liegen, während draußen vor dem Fenster längst der einsetzende Verkehrslärm den Tag angekündigt hat. Und daran, wie ruhig es frühmorgens und sehr spät abends im Zug ist – die beste Zeit, um den Laptop aus der Tasche zu holen und zu arbeiten. Wenn es ganz leise ist im Waggon. Und keiner stört. Ich überlege, wie gut es ist, zu Hause zu sein, wenn die Kinder aus der Schule kommen, oder erst zur Arbeit zu müssen, wenn der Partner die Betreuung übernimmt.

„Stellen Sie sich vor“, sagt die Frau, „wenn man an Feiertagen arbeiten muss.“

Ich denke an meinen Vater, der früher als Arzt Heiligabend in der Klinik Dienst hatte. Daran, wie wir deshalb schon am 23.12. feierten. Und wie wir, als mein Vater in den Ruhestand ging, auf keinen Fall ablassen wollten von unserer Tradition – schon deshalb, weil es so schön war, gemütlich im Kerzenlicht zu sitzen, während andere sich noch durch überfüllte Fußgängerzonen quälten.

„Oder an Wochenenden“, sagt die Frau.

Ich denke an Montage, die zu Sonntagen werden. An kurze Schlangen im Supermarkt. Daran, wie viele Urlaubstage man spart, wenn man am Mittwoch zum Arzt gehen oder am Donnerstag auf Handwerker und Schranklieferungen warten kann. Apropos Schrank … Ich denke an schwedische Möbelhäuser am Samstag im Vergleich zu schwedischen Möbelhäusern am Dienstagmorgen. Daran, wie viel Platz man hat, wenn man am Dienstag mit Kerzen und Servietten beladen in der Bahn nach Hause fährt. Und gerade will ich widersprechen und der Frau vorschwärmen, wie angenehm es ist, wenn die eigenen Arbeitszeiten anders getaktet sind als die der meisten Berufstätigen, als mir einfällt, was es für mein schönes Leben jenseits der Masse bedeuten würde, wenn alle auf den Geschmack kämen …

„Stimmt“, sage ich deshalb schnell. „Einfach grauenhaft diese Schichtarbeit.“ Als die Zugbegleiterin vorbeigeht, zwinkere ich ihr zu. Unser Geheimnis ist bei mir sicher.


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Schau dir die vorherige Geschichte „Lost in Trainslation“ der Unterwegsschreiberin an oder durchsuche unsere älteren Geschichten.


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Bild: © Lokomotiv


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de.

Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.